Burg Tollenstein (Tolštejn) bei Sankt Georgenthal (Jiřetín pod Jedlovou)


Im Grenzgebirge zwischen der südlichen Oberlausitz und Böhmen gibt es eine ganze Anzahl von Burgen, die ihre größte Blütezeit im 14. und 15. Jahrhundert erlebt haben. Von ihnen sind über die Jahrhunderte hinweg meist nur noch spärliche Reste übrig geblieben (Karlsfried, Falkenstein, Schönbüchel, Roimund), aber von einigen haben sich doch noch größere Mauerreste erhalten (z. B. Oybin, Tollenstein, Dewin, Roll) die neugierig machen, mehr über sie zu erfahren. Neben dem Oybin (den neben einer Burg die beachtlichen Reste einer gotischen Klosteranlage ziert) ist der Tollenstein unweit von St. Georgenthal (Jiretin …) ein gern aufgesuchtes Ziel für Wanderer und Mountain-Biker (wie mich). Über diese ehemals sehr bedeutende Burganlage, die sich hoch über die alte Passstraße nach Prag erhebt (Schöber), möchte ich heute in diesem Blog etwas erzählen. 


Erst einmal darf man bei ihrem Besuch nicht allzuviel erwarten, denn es sind genaugenommen nur noch einige wenige, in ihrer Summe recht unbedeutende Mauerreste erhalten geblieben. Trotzdem lassen sie ein wenig erahnen, daß der Tollenstein in seiner Blütezeit einmal eine bedeutende und wehrhafte Anlage gewesen sein muß. Der Grundriß der Burg ist vom höchsten Punkt des Basaltfelsens, um den herum sie einst erbaut worden ist, noch recht gut zu erkennen. Da dieser „höchste Punkt“ (der über Treppen erreichbar ist) eine wunderbare Aussicht auf die Umgebung liefert, hat man ihn seit ein paar Jahren nur noch zahlendem Publikum zugänglich gemacht. Die „Aufstiegskarte“ kann man für ein paar Kronen in der Bergbaude im Zentrum der Burganlage erwerben. Für die Burgreste selbst wagt man es offensichtlich nicht, Eintritt zu verlangen, da dadurch u. U. der Umsatz an böhmischen Knödeln und böhmischen Bier leiden könnte… 


An diesen Ausführungen erkennt man schon ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal des Tollensteins: Die Burg zierte nicht den Gipfel des steilen Phonolithfelsens (ein herausgewitterter Vulkanschlot aus der Zeit des Tertiärs), sondern wurde wie ein Kranz um diesen Gipfel herum errichtet. Man kann sich vorstellen, daß der Gipfelfelsen vielleicht einmal einen kleinen hölzernen Wachturm beherbergt hat – beweisen läßt sich das jedoch nicht mehr. 

Am Fuße der Burganlage befindet sich auf der Seite in Richtung des Tannenberges das kleine Dorf Nieder- und Ober-Tollendorf (Rozhled) und tief unten, an der Schöber-Paßstraße, Innozenzidorf (Lesne). Im Volksmund wurde es auch kurz „Buschdörfel“ genannt, weil sich dort am Goldflössel früher die „Buschmühle“ befand. 

Der Tollenstein (670 m) hängt in westlicher Richtung mit dem nahen Tannenberg (Jedlova, früher auch Dammberg genannnt, 774 m) zusammen, so daß er als Ausläufer desselben erscheint. Gegen Süden und Osten fällt der Abhang steil in Richtung der alten Prager Straße herab, zu deren Schutz und Überwachung die Burg einst errichtet wurde. In südlicher Richtung gelangt man zu dem malerisch gelegenen, einsamen Waldbahnhof Tannenberg, der im Sommer sogar bewirtschaftet wird. Zu erwähnen ist auch noch der unweit gelegene sogenannte Meisengrund zwischen Tollenstein und den Hirsch-Steinen, wo ehemals Bergbauversuche unternommen worden sind (der berühmte Historiker und Jesuit Bohuslav Balbin berichtet in seinen 1679 erschienen „Miscellen“ zur Böhmischen Geschichte, daß hier „Goldkörner“ gefunden worden seien).

Die Burgruine

Doch begeben wir uns erst einmal in die Burg. Das Tor (genaugenommen waren es ein äußeres und ein inneres Tor, die durch ein Gewölbe miteinander verbunden waren, über welchen sich wiederum ein Gebäude mit mehreren Stockwerken erhoben hat) ist nicht mehr vorhanden. Man erkennt aber, wenn man auf der linken Seite in die Höhe schaut, die mächtigen Mauern des ehemaligen Zwingers, zu dem auch ein mächtiger viereckiger Turm gehörte. Von ihm ist aber nur noch die innere Wand mit dem seiner Sandsteinfassung beraubten Eingang erhalten geblieben. Die Reste der äußeren Wand zeigen noch die Lage der Schießscharten an, wo zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges die Kanonen aufgestellt waren. Auch vom ehemaligen Brunnen, der sich hier befand, ist nicht mehr viel zu sehen. Die starke Ringmauer, der wir jetzt folgen, war einmal mit Brustwehren versehen. Löcher, in denen deren Balken ruhten, sind z. T. noch auszumachen. 

An diese Mauern reihen sich die übrigen Ruinen, die sich am besten vom Gipfelaussichtspunkt überblicken lassen. Während die Außenmauern teilweise noch recht gut beschaffen sind, hat sich von den inneren Gebäuden so gut wie nichts erhalten, da man sie in Verkennung einer zukünftigen touristischen Bedeutung als billiges und leicht beschaffbares Baumaterial für die Häuser der Umgebung abgetragen hat. So findet man z. B. beim Abstieg ins Innozenzidörfel zwei in Sandstein gehauene Löwen (?)-Köpfe, die neben die Türe eines Kellerraums eingemauert sind. 

Also gehen wir entlang der Außenmauer weiter in die Burg hinein. Als nächstes gelangen wir zu einer hohen sechseckigen Bastion, in dessen oberen Geschoss sich der Rittersaal befunden haben soll. Dieser Rittersaal hatte nach außen drei Fensterbögen, in deren mittleren Bereich noch die aus Sandstein herausgearbeiteten Fensterstöcke zu erkennen sind. Darüber befindet sich – so gut wie nicht mehr zu erkennen – ein Wappen. Es zeigt drei sechsblättrige Rosen, was es als Familienwappen der Herren von Schleinitz identifizieren lässt. Es wird berichtet, daß man noch vor 200 Jahren auf den mit Kalk verputzten Wänden des Rittersaals Reste von Freskomalereien erkennen konnte, von denen heute freilich nichts mehr vorhanden ist. 

Ein kleines Stück weiter gelangt man zu einer weiteren Bastion, dessen oberes Stockwerk die von Mathias Berka auf Dauba (um 1116) gegründete Burgkapelle beherbergt haben soll und von der lediglich noch ein hohes Bogenfenster erhalten geblieben ist. Auch gab es hier ehemals eine kleine Pforte, über die man auf steilem Wege die Burg in Richtung St. Georgenthal verlassen konnte. 

Es folgt nun der auch heute noch stattliche, nach Norden gerichtete Hauptturm der Burg, dessen Umfassungsmauern noch weitgehend erhalten geblieben sind. Er muß einmal mindestens drei Stockwerke enthalten haben, wie man von Innen noch recht gut erkennen kann. Die Mauer, die sich dem Turm in westlicher Richtung anschließt, geht langsam in den natürlichen Felsen über, der an ihrer Stelle den Schutz der Burganlage übernommen hat. 

Auch wenn man es sich gar nicht mehr so richtig vorstellen kann, die Burg Tollenstein war im 14. Jahrhundert eine der größten und wehrhaftesten Grenzburgen Böhmens. Schon deshalb lohnt es sich, etwas über die bewegte Geschichte dieser heute in Trümmern liegenden Veste zu berichten. Leider ist es so, dass sich die überlieferte „Geschichte“ gewöhnlich nur auf eine Zusammenreihung von Herrschernamen und Jahreszahlen reduziert, aber nur wenig über die Lebensverhältnisse der Menschen jener Zeit, auch der Menschen, die die Burg Tollenstein erbaut, bewohnt und verteidigt haben, preisgibt. Schriftlich dokumentiert wurden im Mittelalter meist nur außergewöhnliche Ereignisse, wie es z.B. in unserem Fall die Wartenberger Fehde oder die Hussitenkriege waren. Dazu kommt noch, daß viele Aufzeichnungen die Wirren der Jahrhunderte nicht überstanden haben und verloren gegangen sind. So ist es nicht verwunderlich, daß auch vieles über die Burg Tollenstein im Dunkeln liegt und dort auch trotz intensiver Forschung bleiben wird. Das beginnt schon mit dem Namen. Allgemein wird angenommen, dass sich der Name aus dem Namen „Dohlenstein“ entwickelt hat – nach dem Namen des Rabenvogels, der bekanntlich gerne Felsen und Türme bewohnt. Aber das ist nur eine, wenn auch nicht unwahrscheinliche Erklärung, denkt man an andere Burgen, die ebenfalls Vogelnamen in ihren Namen tragen: die Falkenburg bei Lückendorf, der Sperlingsstein südlich von Tetschen an der Elbe usw.

Geschichte der Burg

Eine andere Deutung des Namens geht sehr weit in die Geschichte zurück, in die Zeit Karls des Großen. Wie wir aus der ostfränkischen Völkertafel wissen (Geographus Bavarus), waren zu jener Zeit die slawischen Daleminzier die östlichen Nachbarn der Sorbenslawen und es gibt Hinweise dafür, daß sie von der Elbe kommend bis in das Lausitzer Grenzgebirge gesiedelt haben könnten (um 900). In ihrer Sprache gibt es das Wort „Talam“ für „Gegend“ (es gibt auch ein böhmisches Geschlecht der „Talmbergs“), aus dem sich über „Dalenstein“ und „Tolenstein“ letztendlich der Name „Tollenstein“ entwickelt haben soll. Aber wie gesagt, welche Deutung zutreffend ist, wird sich nicht mehr klären lassen. 

Im 10. Jahrhundert gehörte das nördliche Böhmen zusammen mit den nördlich davon gelegenen Sorbengebieten zu dem sagenhaften Gau Zagost. In jener Zeit standen in Böhmen zwei mächtige Herrschergeschlechter im Kampf gegeneinander, die Premysliden und die Wrschowetze. Letztere verleibten sich Teile des Gau’s Zagost in ihr Herrschaftsgebiet ein und begannen die damals noch mit dichtem Urwald bewachsenen bergigen Gegenden mit aus anderen Landesteilen stammenden Menschen zu besiedeln. Zum Schutze dieser Ansiedler wurden einzelne Befestigungen eingerichtet, von denen der Sage nach sich einer auf dem Tollenstein befunden haben soll. Wenn ja, dann war es sicher nur eine kleine, völlig aus Holz gebaute Anlage. Aber auf diese Weise war erst einmal eine Landmarke gesetzt, die in der Folgezeit schnell an Bedeutung gewinnen sollte.

Als sich die Wrschowetze mit den böhmischen Herzog Jaromir von Böhmen anlegten und dabei den kürzeren zogen, wurden sie von ihm gezwungen, den großen Landstrich zwischen Elbe, Jungbunzlau und dem Lausitzer Grenzgebirge dem Wladiken Berkowecz aus dem Stamme der Hronowicen zu übergeben, was im Jahre 1004 geschah. Berkowecz hatte sich sowohl bei dem deutschen Kaiser Heinrich II (973-1024) als auch bei Herzog Jaromir (gestorben 1035) große Verdienste erworben, weshalb er von Heinrich II in den Freiherrenstand erhoben wurde. Deshalb änderte er seinen Namen in Berka (d.h. „Birken“) und seine Nachfahren ab 1140 nach ihren Stammsitz Dub in „Berka auf Duba“) und begründete damit ein lokales Herrschergeschlecht, welches die Geschichte zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert von Nordböhmen und der Oberlausitz ganz wesentlich beeinflussen sollte. Sein Wappen zeigt zwei gekreuzte Eichenäste, die sich auch auf Burg Tollenstein wiedergefunden haben. Wie es dazu kam, erzählt eine alte Sage. Danach geriet ein Jägermeister eines Nachkommen des Herzogs Jaromir im Jahre 1085 in die Hände der Mannen der Wrschowetze, die ihn nackt an eine Eiche banden, um ihn mit Pfeilen zu erschießen. Als letzten Wunsch bat er sich aus, noch einmal auf seinem Horn blasen zu dürfen, was ihm auch gewährt wurde. Das Horn wurde von seiner Jagdgesellschaft erhört, die ihm sofort zu Hilfe eilte und auch noch rechtzeitig eintraf. Als Dankbarkeit für die Rettung seines Jägermeisters überhäufte der Herzog dessen Diener mit Geschenken und verlieh ihnen den Ehrennahmen „Duba“, was soviel wie „Eiche“ bedeutet. Diesen Namen nahm später Friedrich Berka an, als er 1140 das Schloss Dub erbauen ließ. 

Doch zurück zum Tollenstein. Aus zweiter Hand hat sich überliefert, dass der Grundstein für die steinerne Burg im Jahre 1116 von einem gewissen Mathias Berka gelegt worden sei. Diese Annahme gründet sich auf einem nicht mehr vorhandenen Sandsteinblock, auf dem das Jahr 1116 sowie das Wappen der Berkas zu sehen war. Man muss das einmal so stehen lassen, denn ansonsten ist von diesem Mathias Berka nichts bekannt, außer dass er in jener Zeit gelebt haben soll.

In der Folgezeit hat man die Burg sicher weiter ausgebaut, je mehr das unwirtliche Grenzgebirge urbar gemacht wurde. Einer ihrer folgenden Besitzer war der königlich böhmische Oberlandesjägermeister Qual von Berka auf Leipa, dessen Untergebenen bekanntlich während der Verfolgung eines Bären um das Jahr 1250 den Oybin entdeckten, wie uns der Zittauer Geschichtsschreiber Johann von Guben überliefert hat. 

In der Zittauer Chronik taucht ein Heinrich Berka auf Leipa wieder im Jahre 1303 als Grundeigentümer der Stadt und des umgebenden Landes auf. In dieser Eigenschaft ließ er zu Pfingsten des Jahres 1303 auf der „Viehweide“ vor Zittau zu Ehren des böhmischen Königs Wenzel II (1271-1305) ein pompöses Ritterturnier ausrichten. Zur illustren Schar, die diesem Ereignis beiwohnten, gehörten neben dem König allein sechs Fürsten und rund 500 Ritter. Dieses Ereignis war sicherlich auch eine große Ehre für Sittaw (Zittau), welches erst ein knappes halbes Jahrhundert davor ihr Stadtrecht erhalten hatte. Leider wurde das Ereignis durch eine Art Kriminalgeschichte überschattet. Die Ritter Peter von Naptitz und Albrecht von Lomnitz, die zu jener Zeit Zittau pfandweise von den Berkas erhalten hatten, nutzten das Turnier um sich möglichst unauffällig an einem gewissen Grafen von Barby zu rächen – warum, weiß man nicht. Wie erwartet, erschien Barby in Begleitung seines Verwandten, dem Markgrafen Hermann von Brandenburg (1275-1308), in Zittau, um an dem königlichen Turnier teilzunehmen. Als es ans „Lanzenstechen“ ging, hat nun Peter von Naptitz den Grafen von Barby mit geheuchelter Freundlichkeit eingeladen, eine Lanze mit ihm zu brechen. Und so kam es zu dem Zweikampf, nur dass Peter von Naptitz sich eine scharfe Lanze reichen ließ. Und so kam es, wie es kommen musste. Die Lanze durchbohrte den Grafen, der tot vom Ross sank. Dieser hinterhältige Mord erregte das ganze Turnier, welches sofort abgebrochen wurde. In der allgemeinen Verwirrung konnten die beiden Mörder entfliehen und es kam das Gerücht auf, dass ihr Lehnsherr, Heinrich Berka, ihr Auftragsgeber gewesen ist. Das führte zu einen tiefen Zerwürfnis mit dem anwesenden böhmischen König, in deren Ergebnis Heinrich neben Zittau auch die Burg Tollenstein verlor, die nun an die Familie von Wartenberg überging. Zwar erhielten die Berkas nach einiger Zeit die Zittauer Güter zurück und bekamen außerdem Ausgleich für Tollenstein durch Landbesitz in Mähren. Aber bereits kurze Zeit später, unter dem König Johann von Luxemburg (1296-1346), verloren die Berken auf Leipa ihre Besitzungen in der Oberlausitz endgültig. Dafür gelangten die Wartenberger, deren Stammburg auf dem Berg Roll bei Niemes stand, immer mehr an politischer Bedeutung. Und hier beginnt die einigermaßen sicher überlieferte Geschichte der Veste Tollenstein. 

1310 wurde der mächtige königliche Statthalter von Mähren, Johann von Wartenberg, Abkömmling des Adelsgeschlechts der Markwartinger, nomineller Besitzer des Tollensteins. Seine Hauptburgen standen auf dem Roll sowie in dem Ort Wartenberg (Straz pod Ralskem) am Fuße des Rollberges. 

Außerdem nannte er und seine Nachkommen noch eine Vielzahl weiterer Burgen ihr Eigen, wie z.B. den Dewin, Trosky sowie den Schreckenstein bei Aussig. 1305 erhielt er zusammen mit seinen Brüdern Tetschen, wo die Familie schließlich bis 1511 ihren Sitz nahm. Die Wartenberger waren in der böhmischen Geschichte immer mit dem königlichen bzw. kaiserlichen Hof in Prag verbunden, wo sie das erbliche Amt des Obermundschenks bekleideten. 

Als König Johann von Luxemburg (später der „Blinde“ genannt) in den Jahren 1336 und 1337 auf der Seite des Deutschen Ordens gegen die Litauer kämpfte, tat sich besonders der böhmische Ritter Bohuslaw von Wartenberg hervor. Während dieser Zeit hatte er einen großen Teil seiner böhmischen Burgen an Mitglieder des niedrigeren Adels verpfändet, so ab 1320 auch den Tollenstein. Dort residierte nun ein Ritter aus Thüringen, der sich selbst dann den Namen „Kurt von Tannenwald“ gab. Manche ältere Historiker meinen sogar, daß dieser Ritter Tannenwald in den Jahren 1316 bis 1319 nachweislich Burghauptmann auf dem Oybin war und dann bei den Wartenberger in Dienste getreten ist. Er übte das damals in Adelskreisen nicht gerade unehrenhafte Gewerbe eines Raubritters aus. Die Gegend war dafür nicht gerade ungeeignet. Im flachen Norden etablierten sich die ersten reichen Städte wie Budessin, Görlitz oder Zittau mit ihren Weichbildern als lohnende Raubziele. Direkt unterhalb der Burg zog sich die steile Bergstraße über den Schöberpass in Richtung Prag hin – die alte Prager Straße. Und in den benachbarten Burgen Schönbüchel und zeitweise auf dem Oybin sowie auf der Burg Rohnau fand er nicht nur Mitstreiter im Geiste. Dadurch, dass der König oft auf Kriegszügen außerhalb seines Reiches weilte, liefen die Beschwerden der ausgeraubten Kaufleute und sogar der Städte weitgehend ins Leere. Zwar versuchten sich die Städte zu wehren, aber ihre Erfolge hielten sich in Grenzen oder wurden als persönliche Angriffe auf die Raubritter selbst angesehen, die sich, da von Adel, immer im Recht sahen. Insbesondere die Zittauer legten sich auf diese Weise mit den Tannwälder auf Tollenstein an, der nun deren Warenlieferungen nach Prag abfing und Gefangene machte, welche die Städte teuer auslösen mussten. Irgendwann platze dann dem Pfandherrn von Zittau, Herzog Heinrich von Jauer (1294-1346), der Kragen und er gab den Befehl, mit Waffengewalt gegen die Raubnester der Umgebung vorzugehen. 

Am Fastnachtstage des Jahres 1337 machte sich ein kleines Heer von Zittau aus auf den Weg zum Tollenstein, den sie in der Nacht vor Aschermittwoch erreichten. Der Burgherr selbst war mit einem kleinen Gefolge nach Tetschen geritten, um dort mit seinesgleichen lustig Fastnacht zu feiern. Man kann sich vorstellen, wie überrascht die Burgbesatzung war, als sie sich diesem Heerhaufen gegenüber sah, welcher die Burg quasi im Handstreich eroberte und jeden, den sie dort vorfand, niederhaute. Nach der obligaten Plünderung wurden die Holzgebäude der Sitte der Zeit entsprechend angezündet und der Tollenstein zum ersten Mal bis auf die Mauern niedergebrannt. Der Zittauer Stadtschreiber Johann von Guben hat diese Begebenheit in seinem Jahrbuch kurz erwähnt:

By Herczoge Heynken geczyten MCCCXXXVII. iar czoch dese Stadt vz mit andern steten und gewunnen daz Hus Tolensteyn.

Bereits ein Jahr später (am 15. Oktober 1338) wiederfuhr auch dem Raubnest Schönbüchel das gleiche Schicksal. Am 8. Dezember 1343 fiel dann durch List auch das Raubnest auf dem ansonsten unüberwindlichen Oybin. 

Herzog Jauer war mit diesem Feldzug der Zittauer so zufrieden, dass er nach Carpzow’s Analecta als Belohnung der Stadt den schwarzen schlesischen Adler im gelben Schilde in ihr Wappen gab – wo er sich noch heute befindet. 

Bohuslaw von Wartenberg, der wie gesagt, gerade mit den Ordensrittern und seinem König im fernen Litauen Krieg führte, dürfte die Zerstörung seiner Burg kaum groß gejuckt haben, wenn er denn überhaupt davon erfahren hat. Erst unter seinem Sohn Wenzel (Wanko) von Wartenberg, Obermundschenk von Böhmen, erfolgte ein Neubau, wobei die Räumlichkeiten bequemer und die Mauern stärker befestigt wurden. Er wurde dabei wahrscheinlich von seinem Sohn Sigismund, der in Tetschen residierte, unterstützt. Weiterhin ist überliefert, dass seine drei Enkel Johann, Wenzel und Peter von Wartenberg als Besitzer der Herrschaft Tollenstein, die u. a. Schönlinde und Warnsdorf umfasste, auftraten. Alle drei hatten jedoch ihre eigene Burgen: Wenzel in Reichstadt, Peter den Dewin und Johann den Roll (und später Prag, wo er Oberburggraf war). Die Burg Tollenstein scheint ab dem Zeitpunkt des Todes von Wenzel (Wanko) von Wartenberg (1368) von Johann von Prag aus verwaltet worden zu sein – zumindest bis 1382. Ab 1390 ging sie in den Alleinbesitz von Wenzel von Wartenberg auf Reichstadt über, der sich ab 1396 dominus in Tolsteyn nannte. Es scheint, dass er irgendwann zwischen den Jahren 1398 und 1404 die Burg dann den Berken von der Duba vermachte.

Die Ära der Raubritter hatte starke Auswirkungen auf die Etablierung und Organisation der Städte der Oberlausitz, die sich im Jahre 1346 zu einem Schutz- und Trutzbündnis zusammenfanden, der immerhin bis zum Jahre 1815, also über 469 Jahre Bestand hatte. Es handelt sich dabei um den Sechsstädtebund der Städte Bautzen, Löbau, Kamenz, Görlitz, Zittau und Lauban. 

Das erste Drittel des aufkommende 15. Jahrhundert wurde nicht nur in Böhmen durch die Ereignisse geprägt, die auf die Verbrennung des calvinistischen Reformators, Theologen und Hochschullehrers Johannes Hus in Konstanz am 6. Juli 1415 folgten – die Hussiten-Kriege. Sie können in ihrer Gesamtheit und Komplexität hier natürlich nicht weiter gewürdigt werden. Nur insofern sie das Gebiet der sechs Städte betreffen und damit auch Ereignisse, die mit der Burg Tollenstein im Zusammenhang stehen, berühren, sollen sie im Folgenden Erwähnung finden.

Die Jahre zwischen 1400 und 1414 liegen im Zeichen der Gebietsausweitung der auf der Burg Hohnstein in der Sächsischen Schweiz sitzenden Berken von der Duba, in dem sie sich die Herrschaft Tollenstein, zu der das Gebiet zwischen Rumburg, Schönlinde und Warnsdorf gehörte, einverleibten. So existiert z. B. eine auf den 18. April 1414 ausgestellte Patronatsurkunde über das Kirchspiel Schönlinde, den Heinrich Berka von der Duba als Dominus Henricus Berca de Duba, dominus in Talemstein unterzeichnet hat. Von ihm stammt der in der Ruine des Tollensteins gefundene Siegelstock, der neben den gekreuzten Eichenstöcken die Inschrift Segil hince berce trägt. Er wurde früher in Rumburg im sogenannten „Lichtenstein’schen Archiv“ aufbewahrt. Ob er noch vorhanden ist, weiß ich jedoch nicht zu sagen. 

Die Wirren der Hussitenkriege (1419-1439), welche die Oberlausitz stark zusetzten, sind in Bezug auf den Tollenstein mit dem Namen Johann Berka von Duba verbunden. Wenn die Nachrichtenlage auch nur sehr dürftig ist, so kann man sicher davon ausgehen, dass er ein entschiedener Gegner der Kelchbrüder war. So sandte am 23. Mai 1421 „der von Tolnstein“ einen Brief an den Zittauer Rat mit dem Inhalt, dass die Feinde aus Böhmen sich immer mehr der Stadt näherten. Im Jahre 1423 wurde die Lage akut. Es zeigte sich, dass den Hussiten nur die wenigsten Burgen kriegstechnisch gewachsen waren. Im Juni 1423 wurde z. B. die Burg Tetschen gebrandschatzt was dazu führte, dass sich die Hauptleute der Grenzburgen mit den Vertretern der Sechsstädte am 15. Juni in Löbau trafen um zu beraten, was zu tun sei. Als Ergebnis wurde ein Heer ausgestattet, welches eine Zeitlang weitere hussitische Vorstöße in die Oberlausitz verhinderte. Ob die Hussiten jemals vor den Mauern Tollensteins erschienen sind, kann nicht mit Sicherheit bejaht werden. 

Im Jahre 1425 gab es dann eine Kehrtwende. Die meisten Wartenberger, aber auch Johann Berka von der Duba hatten sich den Kelchbrüdern angeschlossen und damit quasi dem oberlausitzer Sechsstädtebund den Krieg erklärt. Dies ergibt sich aus folgender Begebenheit, deren eine Protagonist der Amtshauptmann von Budessin, Nicolaus von Pönickau, war. Denn bald nach Ostern 1425 zog Johann Berka mit einer Schar ausgewählter Krieger vom Tollenstein aus nach Deutsch-Ossig bei Görlitz, um auf dem Weg namentlich Schlachtvieh und Pferde zu stehlen. Als Nicolaus von Pönickau in Zittau davon Kunde erhielt, organisierte er in der Nähe von Spitzkunnersdorf einen Hinterhalt, der aber aufflog. So kam es bereits bei Schlegel zu dem Scharmützel, der für die Zittauer eine vollständige Niederlage brachte. Pönickau wurde auf die Burg Tollenstein entführt und dort gefangen gesetzt. Aber erst nach vielen Wochen konnten die Lösegeldforderungen von Pönickau selbst, seiner Familie und leihweise der Städte Zittau und Görlitz aufgebracht werden. Die Übergabe erfolgte in Schluckenau, nach anderen Quellen etwas später, kurz vor Pfingsten, in Warnsdorf. Wahrscheinlich musste sich der Amthauptmann, um die Freiheit wieder zu erlangen, sich selbst stark verschulden, denn es existiert ein Brief, in dem er von der Stadt Görlitz aufgefordert wird „einzureiten in Görlitz um der Stadt Schuld willen“. 

Das folgende Jahr, 1426, brachte Zittau neuen Ärger mit dem Tollensteiner. Damals lebte in Zittau ein reicher Jude mit dem Namen Smoyl in der Judengasse, der Johann Berka eine größere Menge Geldes geliehen hatte. Letzterer machte aber keine Anstalten, es ihm zurückzuzahlen. Also keine gute Ausgangslage für den Juden. So kam es aber, dass in der Stadt ein großer Transport Tuchwaren, die für den Tollensteiner bestimmt war, eingetroffen war, was dem Juden veranlasste, den Rat zu dessen Pfändung zu veranlassen. Das geschah auch, aber – wie man sich denken kann – war das nicht im Sinne der Ritter auf dem Tollenstein. So begannen sie eine Fehde gegen die Stadt. Ihr kleiner Haufen wurde durch beutelustige hussitische Krieger verstärkt und später stieß auch noch Johann’s Bruder Heinrich dazu, der mit rund 400 Reitern insbesondere den Eigen’schen Kreis und dann auch noch das Weichbild von Zittau, insbesondere Olbersdorf, verheerte. Jedoch, als sie mit ihrer Beute wieder heimwärts ziehen wollten, wurden sie von einer Zittauer Streitmacht im Spittelholz gestellt und aufgerieben. Ein böhmischer Ritter und viele andere angesehene hussitische Krieger verloren ihr Leben. Aber auch 12 Zittauer blieben tot auf dem Schlachtfeld zurück. Auf jeden Fall war erst einmal eine gewisse Zeit Ruhe, bis 1428 ein neues hussitisches Heer in die Oberlausitz einfiel und die Sechsstadt Löbau belagerte. Sie zogen jedoch ab, als sich ihnen das Lausitzer Heer näherte und wurden dann bei Kratzau am 16. November vernichtend geschlagen. Damit war aber der Hussiten-Spuk noch lange nicht vorbei. Bereits im darauffolgenden Jahr erschienen die Hussiten wieder mordend, raubend und brandschatzend in der Oberlausitz, wobei einer ihrer Anführer der Besitzer der Rollburg bei Niemes war. Löbau, Bischofswerda, Pulsnitz, Königsbrück, Wittigenau und das Kloster Marienstern wurden niedergebrannt. Im Oktober fiel dann Kamenz den Hussiten zum Opfer. Die Stadt ging in Flammen auf und eine große Zahl der Einwohner wurde dabei umgebracht. 

1434 zeichnete sich langsam das Ende der Hussitenkriege ab. Am 30. Mai fand südlich des Dorfes Lipan die Entscheidungsschlacht zwischen den radikalen Hussiten unter Andreas Prokop und Jan Capek von San auf der einen Seite und der Allianz zwischen den gemäßigten Utraquisten und den Kaiserlichen auf der anderen Seite statt. Die Schlacht endete mit einem Massaker, bei dem der Großteil der radikalen Taboriten ausgelöscht wurde. Zeitzeugen berichten, dass allein knapp 1000 von ihnen in Scheunen verbrannt wurden. Insgesamt nahmen unter Prokop rund 12000 Männer an der Schlacht teil. Ein Teil davon lief nach der Niederlage zu den Utraquisten über, ein anderer Teil gelang die Flucht. In der Folgezeit kam es dann noch zu vereinzelten Scharmützeln. Der letzte bedeutende Hussit, Johann Rohac von Duba, wurde am 9. September 1437 in Prag gehenkt. Damit war erst einmal der Hussitenspuk in Zentraleuropa vorbei und die Menschen konnten wieder aufatmen. 

In ungefähr die gleiche Zeit fällt eine lokale Begebenheit, die von Zittau ihren Ausgangspunkt nahm und die Sechsstädte die nächsten Jahre vor große Probleme stellen sollte. Sie ist als die „Wartenberger Fehde“ in die Geschichte eingegangen und das kam so: Ralsko von Wartenberg, Burgherr auf dem Rollberg bei Niemes, trat mit dem Landvogt der Oberlausitz, Thimo von Kolditz, in Verhandlungen um ihm die Burg Grafenstein bei Grottau für 400 Schock Prager Groschen zu veräußern – offensichtlich brauchte er wieder einmal Geld. Man wurde sich schnell einig und am Tag Mariä Himmelfahrt des Jahres 1433 erschienen die Zittauer zusammen mit ihrem Landvogt vor Grafenstein, um ihren neu erworbenen Besitz zu übernehmen. 

Um so überraschter waren sie, als die Burg mit Bewaffneten besetzt war, von denen sie sofort angegriffen wurden. Am Ende waren 8 Zittauer tot und 26 wurden von den Grafensteinern gefangengenommen. Thimo von Kolditz gelang in letzter Minute die Flucht. Außer sich wegen dieses Verrats versuchten die Zittauer Ralsko von Wartenberg habhaft zu werden, um ihn zu bestrafen. Das gelang schließlich auch und er wurde nach Zittau verbracht, dort eingesperrt und gefoltert (wie es damals üblich war) und schließlich von einem öffentlichen Gericht (welches zu dieser Zeit gewöhnlich unter freiem Himmel tagte) wegen Verräterei zum Tode verurteilt. Die Strafe, die auf diesem Delikt stand, war das Vierteilen. Sie wurde gerade während der grausamen Hussitenkriege gerne zur Abschreckung appliziert, z. B. an dem Bautzener Stadtschreiber Peter Prischwitz, welcher sich von den Hussiten bestechen ließ. Im Oktober 1429 machte er einen Teil des eingelagerten Pulvers für die Kanonen mit Wasser unbrauchbar und zündete am nächsten Tag ein Haus an, um dem Feind während der dabei entstandenen Wirren ein Tor zu öffnen. Am 6. Dezember hat man ihn „gevierteilt“ und seinen abgeschlagenen Kopf zur Schau gestellt. An der Nikoleipforte kann man ihn noch heute in Stein gehauen sehen. 

Das Schicksal, welches Ralsko von Wartemberg wiederfuhr, war sicherlich nicht sonderlich angenehm. Denn beim Vierteilen wurden die Arme und die Beine des Verräters an Pferden befestigt, die dann den Körper des Delinquenten auseinander rissen. Die Körperteile wurden dann gewöhnlich zur allgemeinen Abschreckung an den Stadttoren aufgehängt. All das geschah am 21. Dezember 1433 auf dem Marktplatz in Zittau. 

Johannes Guben oder einer seiner Nachfolger schrieb dazu in den Zittauer Jahrbüchern: 

„Item anno ut supra xxxiij supradictus traditor, Ralsko, der wart vns mit seinem halsse geanttwort, den lissen wir sleifen vnd virteilen noch seinem vordinem. factum quinta feria ante Thoma.“ 

Man kann sich vorstellen, dass seine adeligen Anverwandten darüber nicht gerade begeistert waren, so dass durch diese voreilige Hinrichtung nicht nur für Zittau, sondern für die gesamte Oberlausitz über die nächsten Jahre hinweg unberechenbarer Schaden entstand. Und so nahm die sogenannte „Wartenberger Fehde“ ihren Anfang. Schon wenige Tage nach der Hinrichtung erschienen, vom Tollenstein kommend, die Wartenberger und ihre Verbündeten vor Zittau und steckten am ersten Sonntag nach Weihnachten die gesamte Webervorstadt in Brand. Auch nahmen sie einige angesehene Zittauer Bürger, denen sie dabei habhaft werden konnten, mit auf dem Tollenstein, um sie dort einzukerkern und wahrscheinlich auch umzubringen. Diese Überfälle und Raubzüge mehrten sich im Folgejahr und auch die Weichbilder der anderen Sechsstädte waren mehr und mehr davon betroffen. Insbesondere das Oberhaupt der Wartenberger, der auf Tetschen sitzende Sigismund von Wartenberg sowie der Vater von Ralsko, Johann von Wartenberg, forcierte die Streitereien immer weiter. 1434 war eine Anzahl von Pferdewagen von Görlitz nach Zittau das Ziel eines Überfalls von Sigismund von Wartenberg. Zusammen mit Spießgesellen vom Tollenstein überfielen sie den Transport bei Rosenthal, wobei drei Zittauer getötet und 33 gefangen genommen wurden. Während man die Beute zum Tollenstein transportierte, zog Sigismund weiter in die Görlitzer Heide, um das Gebiet um Kohlfurt unsicher zu machen. Und so ging es hin und her. Erst 1435 kam es zu einem ersten Vergleich mit den Sechsstädten, bei dem aber Görlitz außen vor blieb. Auf jeden Fall konnte die Belagerung der Burg Landeskrone, die von einem Burghauptmann Jerusalem von Bechern befehligt wurde, abgewendet werden. Aber dafür ging alles, was sich außerhalb der Stadtmauern von Görlitz befand, in Flammen auf. 

1439 gingen die Feindseligkeiten von neuem los und die Wartenberger, vereinigt mit den Berken aus Leipa, überzogen die Oberlausitz wieder mit Krieg. Erst im Juli 1440 erschienen Unterhändler der Wartenberger in Zittau, um mit dem Landvogt Thimo von Kolditz einen Friedensvertrag aufzusetzen. Dieser wurde dann auch am 22. Juli 1440 von beiden Seiten unterzeichnet. Aber auch dieser „Friede“ war nicht von langer Dauer. Denn bereits am 16. Januar 1441 zündete Heinrich von Wartenberg, der Bruder des „Wartenbergs“, der auf dem Tollenstein saß, den Zittauern die Vorstädte an. 

Diese offensichtlich niemals endende Fehde veranlasste die Sechsstädte einen eigenen Kriegszug auszurichten, um die böhmischen Burgen der Wartenberger und ihrer Verbündeten endgültig zu schleifen. Und so geschah es auch. 1442, am 4. August, wurde in Görlitz zwischen den Sechsstädten und den Freiherren von Bieberstein, von Friedland, Reichenberg und Seidenberg sowie weiteren Grundherren ein Bündnis wider „den Stehgreifrittern und Strauchdieben sowie den Rittern von Wartenberg sowie Dohna auf Grafenstein“ ein Bündnis geschlossen, welches die 1437 begonnen Züge gegen die Burgen der näheren und ferneren Umgebung schlagfertiger gestaltete. 1441 wurde die Burg Fredewald bei Böhmisch Kamnitz zerstört (was zur Errichtung der „neuen Burg“ auf dem Schloßberg führte). 1442 konnten ein erfolgreicher Feldzug gegen die Burg Blankenstein (bei Aussig) unternommen werden, während die Belagerung des Kamnitzer Schlossberges erfolglos blieb. 1444 fiel das Stammschloss der Wartenberger in Tetschen unter den Streitkräften der Sechsstädte und im gleichen Jahr konnte auch die Burg Trosky im Böhmischen Paradies erobert werden. 1468 gelang dann auch noch die Eroberung der fast uneinnehmbaren Rollburg durch List, wie es Peter Eschenloher in seiner Chronik der Stadt Breslau beschrieben hat. 

Der Versuch, im Jahre 1444 auch die Burg Tollenstein zu erobern, schlug jedoch fehl. Vielmehr kam es zu eine Art von Friedensvertrag zwischen den Oberlausitzer Städten und den Burggrafen Wentsch von Dohna und Albrecht Berka vom Tollenstein, der, wie wäre es auch anders zu erwarten gewesen, brüchig wie ein alter Zwieback war. Es kam, so berichten die Geschichtsschreiber, bereits 1448 zu einer erfolgreichen Belagerung der Burg Grafenstein mit weitreichenden politischen Auswirkungen. So musste Albrecht Berka von Tollenstein beeidigen, „sich nach Land und Städten der Oberlausitz mit ihren offenen Schlössern gegen alle ihre Feinde richten zu wollen“. 

Die neue „Freundschaft“ der Berken auf Tollenstein mit den Sechsstädten wurde jedoch von der übrigen Verwandtschaft sehr mistrauisch aufgenommen. Auch scheint der neue Grundherr von Tollenstein, „Albrecht von der Dauba, Her zu Tolnstein und Sluckenau“, gegen seinen Schwiegervater Wentsch von Dohna intrigiert zu haben, was zu neuen Fehden Anlass kam. Andernfalls kann man den Brief, den der Burggraf von Dohna an den böhmischen Reichsverweser und zukünftigen König (ab 1458) 1452 auf Grafenstein geschrieben hat, nicht recht deuten. Es heißt darin: 

„Dem edlen und wolgebornen h.h. Girsick von der Cunstat und Podiebrad, oberster vorweser der cronen zu Behmen mynen g.h. und günstigen guten forderer. 

Ich clage E.G. das mir solcher frede den mir E.G. befohlen und geheissen hat zuhalden, mit den sechs landen und steten, nicht gehalden wird, und zuvoruß von der Zittau, die dann myne arme lüte man und frauen reublichen schinden, und nehmen was sie bey den finden uff den straßen, uff jren brogkin und vor der toren vor der stat Zittau, und haben mir auch in dem freden díe meynen gefangen, gestöcket und geschatzet, und weren mir und meynen lüten kauffens und verkauffens etc. und er Albrecht Birgke von dem Tholinstein, der hat syne helfer bie den von der Zittau, darum ich nichts anders verstehe dann das is sein getrib sey etc. siet der Zeyt ich von uwern g. von Prag abegescheiden bin etc. und ich bitte uver g. mir in den sachen beroten und beholffen zu sein etc. 

Gegeben am tage sente Katherine (25. November) 1452“ 

Offensichtlich traten jetzt in Umkehrung der üblichen Lage die Städte als „Räuber und Placker“ gegenüber dem benachbarten Adel auf. So folgte auch relativ schnell eine Antwort auf diesen Brief, „gegeben zu Melnick den Montag nach sante Barbaratag 1452“, diesmal direkt gerichtet an die Städte „Budissin, Gorlitz, Zittau, Luban, Löbau und Camenz“ – den „lieben fründen“ des Reichsverwesers mit der Ermahnung, Ruhe und Frieden zu halten. 

Als 1457 auch Albrechts Nachfolger, Johann Berka von Duba gestorben war, erbte „Albertus de Dube et de Tolstein“ die gesamte nicht unerhebliche Tollensteiner Herrschaft, zu der weit über ein Dutzend Dörfer gehörte, ja selbst Burkersdorf und Schlegel nördlich von Zittau. Zu einer echten Übergabe mit Lehnsurkunde kam es aber nicht, da der böhmische König Ladislaus Postumus am 23. November 1457 in Prag verstorben war und sein Nachfolger, der Ultraquist Georg Podiebrad von Kunstadt, alle früheren Vereinbarungen mit dem Katholiken Albrecht von Duba als nichtig erklären ließ. Das provozierte eine offene Feindschaft zwischen dem Tollensteiner und seinen neuen König, den er nur als „Ketzer“ zu titulieren pflegte. 1463 war dann das Maß voll, und König Podiebrad erklärte das crimen laesae majestatis, was bedeutete, dass Albrecht offiziell all seine Güter verlor und auch um sein Leben gebracht werden sollte. Am 29. Juni 1463 wurde dann eine königliche Order an die Räte der Sechsstädte erlassen, die folgenden Wortlaut hatte: 

„Nachdem Albrecht Berka zum Tolstein sich wider ayde, gelübde und alle pillikeit, damit er uns und unser cron vorpunden ist, understanden hat, uns und dieselben unser cron unzimlichen fürzunehmen, und damit aus aller gehorsam gangen, das uns nicht unpillichen befrembdt und zu dulden fast swere were. Dorumb so begeren wir an euch in ernst, so der edel Jan von Wartenberg unser voit der sechs stete und lieber getreuver euch von unsern wegen schreiben, tag, stat und zeit benennen wirdet, das jt denn mit puchsen, pleiden, wagen, zugehorungen und etlich den ewem jen unvorzihen zuzihete, solch sloß Tolstein umlegen helffet, und allda bey im 14 tag beharret, bis er mit sampt audern underthan dasselbe sloß versorget und umblagert habe. 

Geben zu Prag an sant Peters und Paulustag, unsers reichs im sechsten jare. 

Ad relationem Jodici de Eynsidel secretarii“ 

Es gilt aber als Zweifelhaft, dass sich die Sechsstädte, die ja streng katholisch waren, dieser Aufforderung nachgekommen sind. Belagert und eingenommen wurde Tollenstein trotzdem – durch den Landvogt Johann von Wartenberg (am 14. Juli 1463). Man berichtet, dass er keine Gnade walten ließ und alle Burgleute, soweit sie ihm lebendig in die Hände fielen, einfach aufknüpfen ließ. Albrecht Berka von der Duba gelang jedoch die Flucht zu dem päpstlichen Legaten Hieronimus Landus, was ihm wahrscheinlich das Leben rettete. 

Auf diese Weise gelangte die Herrschaft Tollenstein wieder an die Wartenbergs, genauer an Johann von Wartenberg (Tetschen) und an Heinrich Berka von Duba. Sie hatten zwar bereits die Burg in ihrem Besitz, aber rechtlich bedurfte es noch einem Eintrag in die sogenannte böhmische Landtafel, der dann auch im Juni 1464 erfolgte. Auch hier ist der Wortlaut der Eintragung erhalten geblieben: 

„m.Juni 1464. Georg, König von Böhmen, u. hat in die Landtafel einzutragen befohlen: Wie Albrecht Berka von Duba der Landesverfassung entgegen sich mutwillig empört, welcher Schuld halber der König ihn bestrafen wollte. Welcher Berka nur die erste Missethat durch noch schlimmere zu vertheidigen suchend, den König Georg schändlich mit unwahren und schmählichen Reden und Berufen ungeziemender Weise beschimpft hat, weswegen er für solche Schuld in das crimen laesae majestatis verfallen sei, auf welches nach Recht der Verlust von Leben und Gut gesetzt ist. Und so ließ ihn der König für solches Verschulden strafen und nahm ihm die Burg Tolstein und Schluckenov und seine anderen freien und Lehengüter und hat den Herren Heinrich Berka von Duba und dem Johann von Wartenberg und Tetschen, Voigt der Sechsstädte, welche auf Befehl s. Majestät auf eigene Kosten die Burg Tolstein belagert haben, solche Güter in die Land und Lehentafel einlegen lassen nach dem in solchen Fällen üblichen Brauche.“ 

Am 12. Juni 1464 gab Heinrich Berka alle seine verbrieften Rechte an Johann von Wartenberg ab, der ab diesem Zeitpunkt alleiniger Herr der Veste Tollenstein und der dazugehörigen Herrschaft wurde. Nur war ihm die Freude darüber nicht lange vergönnt, denn er verstarb bereits am 19. November 1464 in Bautzen, wo er auch in der Mönchskirche (die heute eine Ruine ist) beigesetzt wurde. Sein Nachfolger wurde sein Sohn Christoph. 

1467 kam es zu offenen Unruhen gegen den verhassten König Georg, der von den Katholiken wegen seiner ultraquistischen, d. h. hussitischen Religion unter der Hand und manchmal auch offen – so z. B. vom Bischof von Breslau, Jodcusi von Rosenberg – als Ketzer angesehen wurde. So ist es nicht verwunderlich, dass sich katholische Bünde wider den Utraquisten bildeten. Auch ein Teil der Oberlausitzer Städte (genaugenommen Budissin, Görlitz und Zittau) traten einem solchen Bündnis bei. Ja es wurde während eines Konvents in Zittau sogar offen zu einem Kreuzzug wider die Hussiten aufgerufen. Neue Fehden folgten, insbesondere gegen die Wartenberger, die am königlichen Hof zu hohem Einfluss gelangt waren. Insbesondere der Bruder Christophs, Sigismund von Wartenberg ist hier zu nennen, der es bis zum Ober-Mundschenk des Königreichs Böhmen gebracht hat. Genauso wie sein Vater Johann wurde er auch zum Landvogt der Oberlausitz erhoben, was den Sechsstädten sicherlich gar nicht schmeckte. Auf diese Weise schaukelten sich die Spannungen zwischen den Burg- und Landbesitzern, die König Georg Podiebrad zugeneigt waren und den katholischen Städten immer mehr auf. Vom Tollenstein aus wurden wieder ausgedehnte Raubzüge in die Weichbilder der Städte jenseits des Gebirges unternommen, wobei das naheliegende Zittau am meisten darunter zu leiden hatte. Aus dieser Zeit hat sich eine Begebenheit überliefert, die in den Zittauer Jahrbüchern des Johannes von Guben von einem seiner Nachfolger sehr ausführlich überliefert worden ist, denn die „Schlacht am Breiten Berge“ (zwischen Zittau und Großschönau) ging für die Stadt mehr als glücklich aus. Deshalb möchte ich kurz darüber berichten. 

Ausgangspunkt war wieder eine Vielzahl von Einfällen der böhmischen Ritter in der Oberlausitz sowie in Schlesien. So wird berichtet, dass im September 1467 ein Haufen Kriegsvolk unter der Führung des Heinrich von Duba und seines Sohnes Jaroslaw zusammen mit den ultraquistischen Rittern Zarda von Utzke (Aussig), Felix von Scal sowie Benesch von Michelsberg unvermittelt in der Oberlausitz erschien und fast alle Dörfer in der Umgebung von Zittau verwüstete. Ihr Ziel war es in erster Linie Vieh zu stehlen und in Richtung Tollenstein zu treiben. Außerdem versuchten sie eine Belagerung des Oybins, die sie aber verständlicherweise abbrechen mussten. Um die Cölestiner-Mönche trotzdem zu ärgern, haben sie ihnen die großen, im Hausgrund gelegenen Fischteiche abgestochen und deren Dämme zerstört. Daran soll übrigens Christoph von Wartenberg selbst mit beteiligt gewesen sein. 

Bereits acht Wochen später trafen die Anhänger König Podiebrads mit ~100 Reitern und ~800 Mann Fußvolk wieder in der Oberlausitz ein, um nun die Dörfer nördlich von Zittau, insbesondere Oberseifersdorf und Großhennersdorf, niederzubrennen und auszuplündern. Ihre wichtigsten Anführer waren Christoph von Ronburg, Herr auf Blankenstein und wahrscheinlich amtierender Burghauptmann der Burg Tollenstein, sowie sein Vasall Hans von Lottitz, der in Schirgiswalde saß. Derweil schickte Zittau eine vorsorglich in ihren Mauern gesammelte Heerschar (die wiederum eine größere Anzahl sogenannter „Kreuzler“ enthielt – Studenten und Magister aus Leipzig, die mit einem schwarzen Gewand mit weißem Kreuz bekleidet waren und die in erster Linie für ihr „Seelenheil“ kämpften) in den nicht weit entfernten Breiteberg, wohlwissend, daß dort die Plünderer mit ihrer Beute vorbeikommen müssen, sollten sie den kürzesten Weg zur Veste Tollenstein wählen. Und so kam es auch. Am Mittwoch vor Elisabeth (19. November 1467), gegen Nachmittag, erschien die erste Vorhut und nach ihnen die Treiber mit dem geraubten Vieh. Zuvor hatte man die Späher der Böhmen abgefangen und „peinlich“ verhört, so dass man über deren Absichten Bescheid wusste und man selbst vom Gipfel des Berges das Signal für einen freien Durchzug geben konnte. Die Zittauer ließen die Vorhut vorsorglich vorbeiziehen, da sie es ja auf die böhmischen Ritter abgesehen hatten. Erst als Christoph von Ronburg und seine adeligen Spießgesellen die Nordseite des Berges passierten (der größte Teil der Reiterei nahm übrigens einen anderen Weg), kam es zu dem Scharmützel, das überschwenglich als „Schlacht am Breiten Berge“ in die Annalen eingegangen ist. Die Böhmen müssen so überrascht worden sein, dass sie kaum zur Gegenwehr fähig waren. Denn die Chronik berichtet, daß am Abend 150 tote Böhmen, aber nur drei tote Zittauer (deren Namen übrigens überliefert sind – ein Jacob Rawer, ein Hans Hentschel sowie ein Bauer aus der Gegend) auf dem „Schlachtfeld“ zurückblieben. Letztere wurden später auf dem Kirchhof der Zittauer Johanniskirche begraben, während man die gefallenen Ritter (darunter Hanns von Lottitz) und ihre Knappen und Söldner direkt an Ort und Stelle verscharrte. Noch Jahrhunderte später fand man hier noch Knochenreste, Schädel und Rüstungsteile. 

Durch diesen leichten Sieg bestärkt, ergriffen nun die Sechsstädte selbst die Initiative und marschierten im folgenden Frühjahr mit einem eigenen Heer über das Lausitzer Grenzgebirge. Ihre Erfolge hielten sich aber in Grenzen und ohne viel erreicht zu haben (bis auf ein Waffenstillstandsabkommen mit dem Herrn Heinrich Berka von Duba) zogen sie im Herbst wieder zurück in die Lausitz. Währenddessen organisierten die Sechsstädte bereits eine neue Heerfahrt nach Böhmen, für die sie in großer Zahl Söldner warben. Auf diese Weise kamen unter der Befehlsführung eines Franz von Haag ungefähr 2000 Fußsoldaten – darunter wieder viele „Kreuzler“ die darauf aus waren, „Hussitenschädel zu spalten“ – und rund 800 Reiter zusammen. Ihr erster großer Erfolg war die Einnahme der Rollburg bei Niemes (10. August 1469). Danach zogen sie unter Jaroslaw von Sternberg zum Tollenstein, um die dortige Burg zu schleifen. Für diese Unternehmung hatten sie sich von den Budissinern eine besonders große Kanone, eine sogenannte „Tetschner Büchse“, ausgeliehen und vor Ort gebracht, um damit in die starken Burgmauern eine Bresche zu schlagen. Die Unternehmung lief auch ganz gut an und die Belagerung, die am 27. August 1469 ihren Anfang nahm, hätte sicherlich zum Erfolg geführt, wenn nicht ein anderes Ereignis die Kampftruppen zum Abzug nach Zittau gezwungen hätte. Und das kam so: Unbemerkt erreichte Ende August ein böhmisches Heer unter dem Herzog von Münsterberg mit insgesamt 6000 Kriegern über das Gebirge das Weichbild Zittaus, wo es auf der sogenannten Queckwiese (wahrscheinlich die heutigen Kaiserfelder) zu einer Schlacht kam, die für die Zittauer desaströs war. 60 von ihnen, so steht es in den Gubenschen Zittauer Jahrbüchern, wurden erschlagen und 246 gefangen genommen. Ihre Auslösung kostete der Stadt die damals beachtliche Summe von 3000 Gulden, für deren schnelle Beschaffung eine Vielzahl von Urkunden und Siegeln verpfändet werden mussten. Es war klar, dass die vor Tollenstein liegenden Soldaten schnell nach Zittau eilten, um den Fall der Stadt noch im letzten Moment zu verhindern. Zwar wurden sie von den Truppen des Herzogs bei der sogenannten Neumühle gestellt, wobei an die Fünfzig „Zittauer“ getötet worden sein sollen. Aber die hussitischen Heerhaufen hatten bereits begonnen die Belagerung Zittaus aufzugeben und sind weiter gezogen. 

Als Zeitzeugebericht sollen hier nur kurz die Notizen des Breslauer Chronographen Peter Eschenloher wiedergegeben werden, die sich inhaltlich weitgehend mit den Aufzeichnungen in den Gubenschen Jahrbüchern decken: 

„Herr Jaroslaw von Sternberg mit den sechsstädten zogen vor den Tolnstein und beharreten davor fünf tage. Indes da die Behmen vor Budin höreten, daß die unseren nicht zu inen, sondern heim gezogen waren, da zogen sie mit einem starken heere gen Zittaw. Des die armen leute sich nicht besorgten, liefen aus der Stadt, mit den feinden zu scharmeuseln als sie zuvor ofte getan hatten, sondern vom heere wussten sie nicht. Sondern da sie das sahen, da waren sie der stadt zu ferne und flohen bei 200 in die möle, darinnen sie überhaupt gewonnen, gefangen und gemorded wurden und hetten die ketzer zu der stat zu gestürmet, sie hetten sie ohne were genommen, wan die mannschaft gar draußen algereit gefangen waren, und die andern vor dem Tolenstein lagen; nicht hundert werlicher manne blieben in der stat, die got uf diesen tag wunderzeichlich erhielt. Das geschrei kam in das heer vor dem Tolenstein, das von stat an uf war unde zogen gen Zittau an die stat. Davon die Behmen und ketzer nicht wusten, sondern da sie das heer vor dem tolenstein hetten gewust, sie hetten es gar behalten. Bei tausend männer hatten kaum die Zittauer und übrigen Lausitzer vor dem Tolenstein und der ketzer heer wart gegen 6000 geschatzt. Da blieben die ketzer vier tage vor der Zittow und taten vil versuchen mit einlaufen, aber alles umsunst und nicht one schaden der ketzer, und hetten die ketzer nur gewaret, daß dies heer vom Tolenstein nicht vor die Zittow were komen, so hatten die ketzer one müh die Stadt Zittow gewonnen.“ 

In welcher mißlichen Lage sich Zittau zu diesem Zeitpunkt befand, kann man auch den verzweifelten Bittbriefen des Zittauer Rates an die Lausitzer und schlesischen Landvogte entnehmen, in denen sie inständig um Entsatz baten. Dem wurde dann auch stattgegeben und ein Reiterheer von über 500 Pferden machte sich unter Franz von Hag nach Zittau auf, ohne freilich viel zu auszurichten. Denn die Hussiten waren längst weiter gen Lauban nach Schlesien gezogen. Zuvor hatten sie noch die Orte Hirschfelde, Ostritz und Seidenberg ausgeraubt und niedergebrannt. 

Auf diese Weise blieb die Burg Tollenstein weitgehend verschont. Es mussten nur einige umfangreiche Ausbesserungsarbeiten vorgenommen werden, um sie in ihren alten Zustand zurück zu versetzen. Die Besatzung war aber soweit geschwächt und ihr Eigentümer „außer Landes“, daß sie schließlich doch am 5. Februar 1470 nahezu kampflos von den Sechsstädten übernommen werden konnte. Die Burg diente dann als Faustpfand für Verhandlungen, die offensichtlich erfolgreich verlaufen sind, denn schon ein Jahr später erfolgte die Rückgabe an ihren alten Besitzer. Nach dem Tode König Georgs von Podiebrad im Frühjahr 1471 änderten sich wieder einmal die Machtverhältnisse in Böhmen und es kamen wieder katholische Herrscher an die Macht. In diesem Fall konkurrierten gleich zwei Herrscher um die böhmische Krone. Einmal der ungarische König Matthias Corvinus (1443-1490) und zum anderen Wladislaus II (1456-1516), König von Polen und Großfürst von Litauen. Beide ließen sich 1471 zum böhmischen König krönen, wobei Letzterer schließlich die Oberhand gewann. 

Diesen politischen Änderungen war es sicherlich auch geschuldet, dass Christoph von Wartenberg den Tollenstein samt der dazugehörigen Herrschaft einschließlich Schluckenaus am 3. Dezember 1471 an die Herzöge Albrecht und Ernst von Sachsen vermachte, was auch nach einer Urkunde im Folgejahr vom neuen König Wladislaus II abgesegnet wurde. 

Die kurze Episode unter sächsischer Herrschaft (sie währte bis ungefähr 1479, wo die Burg – zum letzten Mal in ihrer Geschichte – wieder an die Wartenberger zurück fiel) war durch eine böse Fehde zwischen der Familie von Lottitz und der Stadt Zittau geprägt, die sich bis auf den Tod ihres Oberhauptes bei der Schlacht am Breiten Berge zurückverfolgen lässt. Im Einzelnen ging es um Entschädigungszahlungen, die Zittau aber nicht leisten wollte. In diesem Zusammenhang erfolgte 1481 eine schriftliche Erwähnung des Tollensteins, auf dem zu dieser Zeit ein Amtmann bzw. Burghauptmann residierte. Der Zittauer Rat ließ darin in einem Brief mitteilen, „er möge ihnen zu dem Ihrigen verhelfen, Hanns von Lottitz, Jergiswalde genannt, habe sie bei Budessin beschädigt“. Wie die Fehde endete, ist leider nicht mehr in Erfahrung zu bringen. 

Die nächsten knappen zwei Jahrhunderte sind von den neuen Besitzern der Burg und der Herrschaft Tollenstein, dem aus dem Erzgebirge und dem Meißner Land stammenden Adelsgeschlecht der Schleinitze, geprägt. Wie Bohuslav Balbin berichtet, soll ein Angehöriger dieses Geschlechts bereits 1184 als königlicher Mundschenk gedient haben. Urkundlich nachweisbar und belegt ist aber erst Haugolt III von Schleinitz, der 1485 von Christoph von Wartenberg das „Lehenschloß Tolenstein mit den Orten Tolndorf, Grund, Schneckendorf, Belnsdorf, Schönburn, Schönlinde, Schönbuch und Erenberg“ käuflich erwarb. Damit begann das „Schleinitz’sche Zeitalter“ des Burgfleckens, welches durch eine gewisse Prosperität der Gegend und durch die Gründung der Bergstadt Sank Georgenthal (Jiřetín pod Jedlovou) im Jahre 1554 ausgezeichnet ist. 

Haugolt III war Obermarschall von Kurfürst Ernst von Sachsen und Herzog Albrecht und seine Stammburg war die Burg Kriebstein über der Zschopau in der Nähe von Döbeln in Sachsen. Als er 1490 starb, siedelte sein Sohn Heinrich endgültig nach Tollenstein über, um sein Erbe in Besitz zu nehmen. Unter seinen adeligen Nachbarn wurde er dabei mit Argwohn beobachtet denn schon in Bezug auf seinen Vater mussten diese vom Böhmischen König extra ermahnt werden, dass die Tollensteiner und Schluckenauer Lehensleute dem Herrn von Schleinitz „wenngleich derselbe dem böhmischen Herrenstande nicht angehöre, Gehorsam zu leisten verpflichtet seien“. 

Heinrich von Schleinitz begann nun alle Ortschaften der Umgebung nach und nach aufzukaufen und konnte damit das Landerbe seines Vaters innerhalb kürzester Zeit fast verdoppeln. Dazu noch die Herrschaft Pulsnitz sowie die Herrschaft Hohnstein mit 5 Städten und 49 Dörfern. Im Jahre 1515 verkaufte er Teile von Oderwitz sowie die Scheibemühle in Herwigsdorf den Cölestiner-Mönchen auf dem Oybin, was ihm 300 Gulden einbrachte. Unter seiner Herrschaft wurde auch die Burg Tollenstein gründlich überholt, modernisiert und zum ersten Mal in ihrer Geschichte wohnlich eingerichtet. Als Heinrich von Schleinitz am 14. Januar 1518 in Meißen verstarb, hinterließ er seinen 6 Söhnen ein wahrhaft beachtliches Erbe welches nun zu recht das „Schleinitzer Ländchen“ genannt werden durfte. 

Zuerst herrschten alle 6 Brüder gemeinsam über ihre Besitzungen. Doch ihre Zahl verminderte sich schnell so daß ab 1526 nur noch zwei Brüder, Ernst und Georg von Schleinitz übrig blieben. Während Ernst nur selten auf dem Tollenstein weilte – er wurde nach einem Theologiestudium in Bologna 1504 Kanonikus in Prag, seit 1511 Prager Dompropst, seit 1539 Verweser des Erzbistums Prag und seit 1544 auch noch Dompropst zu Meisen - übernahm Georg meistenteils allein die Verwaltung der Herrschaft. 

Als Ernst am 6. Februar 1548 starb, wurde er wunschgemäß in seinem „Ländchen“, in der Pfarrkirche zu Schluckenau, begraben. Sein Grabstein (ob er noch existiert, weiß ich nicht. Ich habe ihn jedenfalls nicht gefunden. Er soll jedenfalls noch irgendwo in der Kirche stehen) bekam die Inschrift

„A.D. 1548 Octavo Jdus Febr.obiit. Reverendiss Pater ac generosus Dominus Ernestus a Schleinitz SS Pragensis et Misnensis Ecclesiarum Praepositus et Pragensis Archiepiscopatus olim Administrator et Dominus in Tollenstein et Schluckenau.“ 

Kirchengeschichtlich ist interessant, dass ihm eine Disputation mit Martin Luther in Anwesenheit des Herzogs Georg von Sachsen nachgesagt wird. 

Von den ersten Jahren Georgs auf Tollenstein sind nur Berichte über eine Anzahl von Streitereien überliefert – man hielt wahrscheinlich nur so etwas für‘s Aufschreiben wert. Es ging dabei um Zollschranken, um Zuständigkeiten (z. B. in Bezug auf die Gerichtsbarkeit) oder schnöde um das liebe Bier. In dieser Beziehung kannten die Zittauer keinen Spaß, wie 1490 schon einmal die Görlitzer erfahren mussten, als sie auf der Höhe hinter dem „Bergfriedens“ bei Ostritz in Richtung Rosenthal Zittauer Bierfässer zerschlugen (die Stelle ist noch heute als „Bierpfütze“ bekannt). Bei so einem Ereignis wurden ernstlich auch Fehdebriefe zwischen den Sechsstädten ausgetauscht. Der über den „Bierkrieg“ kann noch heute in der Görlitzer Brauerei besichtigt werden. 

Als Georg im Jahre 1530 Georg von Schleinitz seinem Richter in Eibau erlaubte, Laubaner Bier auszuschenken, kam das einer Kriegserklärung an die Zittauer gleich. Als das bekannt wurde, schickte der Zittauer Rat sofort eine Streitmacht „mit gewappneter Hand“ nach Eibau, welche alle fremden Bierfässer zerschlugen. Georgs Klagen blieben erfolglos, denn die Zittauer beharrten auf das ihnen 1414 verliehene Recht, nur allein eigenes Bier in ihrem Weichbild zu dulden. Und es dauerte auch noch recht lange, bis sich die Wogen wieder geglättet hatten. 

Eine der wenigen positiven Berichte aus jener Zeit betrifft eine vom Burggrafen Nicolaus von Dohna ausgerichtete Festlichkeit auf seiner Burg Grafenstein bei Grottau. Das „Vogelschießen“ – eine Tradition, die sich bis heute in der Oberlausitz gehalten hat, war der Anlass dafür. Im Jahre 1528 versammelte sich im Schloss eine große Zahl böhmischer und sächsischer Edelleute zum Wettbewerb. Wer gewonnen hat, konnte ich nicht mehr recherchieren. Auf jeden Fall hat Georg von Schleinitz beim Armbrustschießen den dritten Platz belegt. 

Georg von Schleinitz ging in der Verwaltung seines „Ländchens“ voll auf. Er ließ Meierhöfe erbauen, begründete Mühlen und begann sich – von Wünschelrutengängern angeregt – für den Bergbau zu interessieren. Außerdem war wahrscheinlich bekannt, daß bereits 100 Jahre früher in der Gegend – vornehmlich im Meisengrunde – Bergwerksversuche angestellt worden sind, ja, der damalige König Ferdinand hatte sogar Schürfrechte an die Patrizierfamilie Fugger verpachtet. Das Gebiet der sogenannten Lausitzer Überschiebung, wo quarzreicher Granit über den Sandstein gehoben wurde, ließ auf jedem Fall reiche Ausbeute erwarten. So ließ Georg von Schwanitz ab 1548 Bergleute aus der Freiberger Gegend kommen, um sie hier anzusiedeln. Die ersten 32 Knappen begannen ihre Arbeiten am sogenannten Kreuzberg mit dem Eintrieb eines letztlich 197 m langen Stollens, aus dem hauptsächlich Bleiglanz und Kupferkies mit einem gewissen Silberanteil gefördert wurde. Später hat man dann noch weitere Stollen abgeteuft, von denen der Stollen „Johannes, der Evangelist“ für Besucher seit einiger Zeit wieder zugänglich ist. 

Aufgrund dieser Anfangserfolge ließ Georg von Schleinitz im Jahre 1554 am Fuße des Kreuzberges (früher „kahle Haide“ genannt) eine neue Stadt anlegen, die einmal aus 500 Häuser bestehen sollte. Wie in den erzgebirgischen Bergstädten üblich, sollte auch hier jeweils zwischen je drei Häusern eine Gasse verlaufen. Diese regelmäßigen Formen sind noch heute auszumachen. 

In den Ruinen des Tollensteins fand man noch lange Jahre nach dessen Zerstörung durch die Schweden an einem Türstock, der sich nördlich des halbrunden Turms befunden haben soll, den folgenden Spruch: 

„Georg heiß‘ ich und schau ins Tal. 
Das Städtel soll heißen St. Georgenthal.
Anno 1554“

Über die Gründung von St. Georgenthal hat sich ein Dokument erhalten, das ich im Folgenden im Ausschnitt wiedergeben möchte: 

„Ich George, Herr von Schleinitz auf Tollenstein und Schluckenau etc.: Als Gutsherr, bekenne hiemit öffentlich, vor mich, meinen Erben, Erbnemen, und Nachkommende, demnach der allmächtige Gott, ohne Zweifel aus sonderlichen Gnaden, zur Mehrung seines einigen göttlichen Lobes und Ehre, und vielen Menschen zur Beßerung verliehen, daß sich in kurzer Zeit auf meinen Gründen und Gütern, zum Thalenstein und Schluckenau gehörig allerlei schöne Bergart an Gold, Silber, Kupfer und andere Metall etc.: Gottlob ereuget und bewiesen, und zu hoffen ist, wo sich Fremde des Ortes einlaßen, daß daselbst mehr und größere göttlichen Gnaden zu erwarten sein wird, daraus dann sonder Zweifel, viel merklicher Nutz und viel Gutes erfolgen möchte, welches ich als rechter Erb- und Grundherr gemeltes Bergwerk aus christlicher Liebe und guten Willen zu fördern mich schuldig erkenne, derhalben alle dem Gewerken, die sich allda zu banen einlaßen werden, aus wohlbedachten Gemüthe und zeitlichen Rathe, eine Freiheit und Ordnung gegeben habe, und hiemit geben thu, wißentlich in Kraft dieses Briefes, wie laut Artickelsweise folgt: 

Zum ersten: Zur Erhaltung und Aufnehmung des Gottesdienst, und der armen Leute, so von dem Bergwerke schadhaftig, oder in andern Wege des Almösen nehmens nothdürftig werden, auch zur Erhebung einer solchen Bergstadt soll von einer jeglichen Zechen, von den Bergwerken zwei Kuks, von der gemeinen Darlage gebaut werden. 

2tes. Will ich allen Gewerken, so sich auf bemeldt mein Bergwerk dasselbige zu bauen begeben haben; fünfzehn Jahr lang nach Dato folgende gestatten und nachlaßen, daß sie Bauholz zu ihren Häusern, desgleichen zu Schächten bauen, Stollen, Hütten, Mühlen, Kohlhäusern, Brennholz und Rustholz und zu Pochwerk, ausgenommen zu Kohlen, auf meinen Wäldern u. Hölzern um den Talenstein gelegen, nämlich: den Wald oder Gehölze auf den Steinbruche, auf den Brand von der Fischbach, bis zu den alten Vorbrige, Item, vor dem Schloß Talenstein hinter dem Steinbruche anfangend bis vor die kahle Haide auch der Berg, der Ziegenrücken genannt, bis an die Weisbach bei den Königsholze, wie denn solches alles abgepflegt und verlachtert worden ist, ohne eigenen Waldzins frei haben, doch auf ihr Darlehen fällen und führen mögen, der Meinung und Gestalt, so jemand aus den Gewerken Holz vonnöthen, daß er es meinen verordneten Förster zuvor ansage, und nicht ohne derselben Vorwißen und Willen Holz niederschlage, und daselbst zugreife, wo, und an welchen Orte mein Förster einen Jeglichen weisen wird, daran soll er sich begnügen laßen, und nicht weiter fahren, dagegen sollen sie mir, meinen Erben und Nachkommen schuldig sein 4 Erbkuks, auf einer jeden Zechen zu bauen. 

3tes. Weil der allmächtige Gott gnädiglich verliehen, daß sich an angezeigten Oertern meiner Herrschaft jetztunter allbereits eine Anzahl der Gewerken und Bergleute, das Bergwerk zu treiben, versammelt haben, und ihnen von Nöthen vorfällt, zu ihren Erhallt, und Bequemlichkeit, eine Baustadt einzuräumen, und zu eignen, welches ich gethan, und hiemit thu, daß selbige meine neue Bergstadt, Sankt Georgenthal von nun an, und zu ewigen Zeiten geheißen, und von jedermänniglichen genannt werden soll, thue auch die selbige Bergstadt mit gebührlicher Freiheit begnaden, wie folget: daß ein Jeglicher der sich an diesen Ort begeben hat, oder wird, zu bräuen, zu schenken, backen, schlachten; desgleichen auch allerlei Hantirung und Gewerbe, mit kaufen und verkaufen, ohne Beschwerung Aufsätze und Tribut, nach seinen besten Nutz und Frommen zu treiben, Frey und Macht haben soll, auch daß alles Gut, so zu Enthaltung, gemeltes Bergwerkes geführt, getrieben und getragen wird, auf mein und meiner Erbherrschaften, als ferne sich die erstrecken aller Geleite und Zölle gefreit sein sollen, will auch jenen, vor mich meinen Erben und Nachkommende, nachlaßen, einen Rath, Bürgermeister, Richter und Schöppen und andere Gewaltige, unter sich zu wählen, welche dem Bergwerke förderlich, nützlich, mir, auch meinen Erben leidlich sein werden, doch daß dieselbigen, von mir, meinen Erben und Nachkommenden confirmirt und bestättigt werden. Desgleichen, daß sie und sonst ein jeglicher, wie er geseßen mir, meinen Erben und Nachkommenden, gebührliche Eid thu, und damit der gemeine Nutz desto stattlicher versorget sei, will ich dem Rathe , vor mich, meinen Erben, und Nachkommen- den fünfzehn Jahre lang, die Erbgerichte, Wage, Brotbänke, Bräuhäuser, Salzkasten, Badstuben, Fleischbänke und was sonst auf andern freien Bergstädten, üblich und gebräuchlich eingeräumt haben, ausgeschloßen Malehticien und Halbgerichte.“ 

Georg von Schleinitz war übrigens auch der Begründer und Namensgeber des Städtchen Georgswalde unweit von Rumburg. In letzteres Städtchen verlegte er auch seinen Alterswohnsitz. Wahrscheinlich war ihm der Tollenstein zu unbequem, zu rauh und zu windig geworden… 

Als Georg am 27. September 1565 verstorben war, übernahm sein Sohn Heinrich zusammen mit seinen Brüdern Christoph und Hans Haubold die Herrschaft Tollenstein und Rumburg, wie sie jetzt genannt wurde. Sein zweiter Sohn, Maximilian Adolf, hatte sein Auskommen als erster Bischof von Leitmeritz. Im Jahre 1571 kam es dann noch einmal zu einer Gütertrennung. Heinrich übernahm das Schloss Tollenstein und das Schloss Warnsdorf, während Christoph und Hans Haubold von Rumburg aus das „Schleinitzer Ländchen“ regierten. Nach dem Tod Heinrichs übernahm Christoph den Tollenstein und ließ an dessen Fuße das Dorf Tollenstein (Rozhled) mit einem Meierhof anlegen. In der Folgezeit verschlechterten sich die wirtschaftlichen Verhältnisse der Familie immer mehr. Die Schulden wuchsen und die Schleinitze mussten immer öfters einzelne Gemarkungen und Dörfer verkaufen. Im Jahre 1586 war die Herrschaft Tollenstein-Rumburg nicht mehr zu halten und sie ging für 60325 Schock 47 Groschen an den kaiserlichen Vizekanzler Dr. Georg Mehl (Michael) von Strehlitz, dem damals auch die Herrschaft Grafenstein gehörte. Er konnte sich noch drei Jahre an der Herrschaft erfreuen, bis er am 24. Januar 1589 im Schloss Tollenstein im hohen Alter entschlief. 

Dieser Verkauf ist auch anderweitig interessant, da damals die Veste noch völlig in Ordnung war und eine durchaus standesmäßige Behausung darstellte. Vor dem Kauf wurde ein ausführliches Inventarverzeichnis angefertigt, welches uns heute viel mehr über die Burg verrät als die nur noch bruchstückhaft vorhandenen alten Mauern: 

Inventarium des Schlosses Tollenstein A. D. 1586, wie es dem Herrn Christoph v. Schleinitz an den Herrn Georg Mehl v. Strehlitz, böhmischer Vizekanzler, beim Verkaufe übergeben wurde: 

„In der Gemein-Stuben: eine verschlossene Stubentür mit Handhaben und Klinken, ein Winkelhäusel beim Ofen, ein guter weißer Ofen, zwei grüne vergitterte, verschlossene Schzranken, eine vergitterte, verschlossene Cancley, drinnen mit zwei Fenstern, zwei verschlossenen Winkelhäusl, ein schlechter Tisch, vier Glasfenster. 

In der Kammer dabei: eine verschlossene Türe mit Handhaben, zwei Winkelhäuser unverschlossen. 

In der anderen Feldstube: eine verschlossene Türe, 2 Glasfenster, 1 weißer Kachelofen, 1 verschlossener grüner Schranken mit 2 Türchen vergittert. 

In der Kammer dabei: eine verschlossene Türe, zwei Winkelhäusel, eine Türe auf den Gang mit einer eisernen Klinke. 

Auf dem Saale: eine verschlossene Tür vor dem Gemach, eine Haustüre vom Hof herein mit Banden samt bösem Schloß. 

Im Wendelstein: eine böse Tür mit Bändern ohne Schloß vor dem Saal zum andern Geschoß. 

In dem oberen Geschoß in der grünen Stube gegen den Hof: eine verschlossene Stubentür, ein grüner, vergitterter Schranken bei der Cancley mit zwei verschlossenen Türen ohne Schlüssel, zwei Glasfenster, ein weißer Ofen: die Stube ist auf beiden Seiten getäfelt. 

In der Kanzlei dabei: ein schlechtes Tischel, ein Glasfenster, eine Türe mit einem Riegelschloß, zwei Allmern in der Mauer, unverschlossen. 

In der Kammer: eine verschlossene Tür mit Handhaben, zwei Fenster, zwei lange Tafeln, zwei Winkelalmern, ein unverschlossenes Winkelhäusel. 

Auf dem Saale: ein weißer Schranken, eine Wandbank, ein langes Blatt zu einer Tafel. 

In der anderen Stube: eine Stubentür, ein weißer Kachelofen, drei böse Fenster, vier Seitenbänke, drei hölzerne Tischel, zwei grüne, vergitterte Schranken in den Wänden, ein verschlossenes Winkelhäusel; die Wände sind auf beiden Seiten getäfelt. 

In der Kammer: eine verschlossene Türe, ein Spannbett, zwei grüne Tritt, eine Bank mit zwei Schubkästen, ein Fenster, zwei Winkelhäusel, eine Tür mit einer Klinke zum heimlichen Gemach, eine lange Versatzbank, eine verschlossene Tür ohne Schlüssel, wo man den Wendelstein hinauf kommt auf die Wache. 

Oben unterm Dach auf unterem Boden: In der Kammer linker Hand: eine verschlossene Tür, ein großer Mehlkasten. 

In der anderen Kammer linker Hand: eine verschlossene Tür, der Wächter hat den Schlüssel; eine Stubenbank mit zwei Schubkästen, ein Spannbett, drei lange Seile. 

In der gewölbten Schlagstube: eine verschlossene Tür ohne Schlüssel, zwei Glasfenster, eine Tür mit einem Riegelschloß zum heimlichen Gemach, ein weißer Schranken mit zwei Türen. 

In des Wächters Stube: eine Tür in Banden mit einer Klinke, drei Fenster, ein Ofen, eine Lehnbank, ein Topfbrett, zwei große Blasebalgen in Stängeln an der Decke, ein alter Tisch, zwei Seitenbänke am Ofen. 

Im Haus vor des Wächters Stube: zwei starke beschlagene Türen, an einer steinernen Tür mit Anleghaspen, eine Tür gegen den Hof mit Banden ohne Schloß. 

In der Küche: eine verschlossene Tür, zwei böse Fenster, ein alter Schranken, ein Spannbett. 

In der vorderen Küchenkammer: eine verschlossene Türe in Banden ohne Schloß. 

Im Keller: eine verschlossene Türe ohne Schlüssel mit einem anhängenden Lid, eine Tür mit Banden ohne Schloß im hintern Keller, vier starke Trehmen. 

In der Badestube: eine verschlossene Tür ohne Schlüssel, zwei Glasfenster. 

Unterm Tor: zwei Morgenstern mit Schaften. 

Zum Tollenstein an Geschütz, Kugeln und Pöller übergeben: ein Stück ohne gefähr 1 Ztr., ein Stück ohne gefähr 4 Ztr., ein Stück ohne gefähr 4 Ztr., ein Stück ohne gefähr 4 Ztr., ein Stück ohne gefähr 4 Ztr. Dazu noch: sechs Fassel Pulver, acht Schock der größeren eisernen Kugeln, sechs Schock eiserne kleine Kugeln zu 28-30 Loth; Item: etliche Läden und etliche beschlagene Rade.“ 

Das Erbe nahm Balthasar Mehl von Strehlitz an, der zu Ehre und Erinnerung seines Vaters die heilige Dreifaltígkeitskirche in Sankt Georgenthal stiftete, die heute noch ein Kleinod des kleinen Städtchens darstellt. Aber bereits im Jahre 1610 verkaufte er seine Herrschaft an den reichen Landesherrn Radislaw Kinsky von Chinic und Tetau, der sie kurze Zeit später an seinen Sohn Wilhelm vererbte. Balthasar war kein glückliches Ende beschieden. Aufgrund seiner überbordenden Schulden wurde er in den Weißen Turm in Prag gesperrt, wo er dann auch verstorben ist. 

Graf Wilhelm Kinsky ist dadurch bekannt geworden, dass er am 25. Februar 1634 in der verhängnisvollen Nacht, in der sein Herr, Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein in Eger ermordet wurde, auch diesem Mordkomplott zum Opfer fiel. Als die Ermordung Kinskys bekannt wurde, zog die königliche Kammer unverzüglich dessen Besitzungen ein, um die „Kinsky Gütter“ neu zu vergeben. Neuer Eigentümer wurde der Oberst der Wiener Stadtgarden, Hans Leonhard Löbel, Freiherr von Grünberg. 1641 erwarb er noch den Ort Warnsdorf. Aber auch ihm war das Glück nicht sonderlich hold. Denn ein Jahr später war es um die stolze Burg Tollenstein geschehen. Und das kam so: Für den geschichtlich Interessierten ist der Dreißigjährige Krieg – die größte Katastrophe, die Deutschland je in seiner Geschichte erleben musste – ein unübersichtliches Patchwork von Ereignissen, daß zu ordnen und zu überblicken große Schwierigkeiten bereitet. Ich will deshalb hier auch nicht auf das Große und Ganze eingehen (bei Amazon gibt es z. B. kostenlos für den Kindle das Werk von Friedrich Schiller „Geschichte des dreißigjährigen Krieges“, der für einen literarischen Einstieg zu empfehlen ist), sondern nur die lokalen Begebenheiten beleuchten. Die Kontrahenten waren anfänglich die sogenannten katholischen „Kaiserlichen“ und als Gegenpart die „protestantische Union“. Später kamen eine Vielzahl weiter Kriegsparteien hinzu, darunter die „Schweden“ unter Gustaf Adolf – die gemeinhin als besonders grausam galten. Denkt man an ihren legendären „Schwedentrunk“, dann kann es einem noch heute den Magen umdrehen… 

Man kann davon ausgehen, dass während des Krieges zumindest zeitweise die Veste Tollenstein mit kaiserlichen Militär besetzt war. In der ersten Zeit des Krieges – er begann 1618 mit dem legendären „zweiten“ Prager Fenstersturz, war die Oberlausitz noch wenig von den Kriegshandlungen betroffen. Als aber im Frühjahr des Jahre 1639 während des „französisch-schwedischen Krieges“ die schwedische Soldateska mit über 40000 Mann gegen Süden strömte, wählte der schwedische Feldherr Lennart Thorstensson (1603-1651), von Dresden kommend, den Weg über Zittau um nach Böhmen zu gelangen. Im Mai wurde Zittau nach kurzer Belagerung eingenommen, verwüstet und ausgeplündert und die Dörfer der Umgebung gebrandschatzt und die Bewohner gemeuchelt. Der kaiserliche Oberst Mathlohe, der sich gerade mit seinen Leuten in der Burg Tollenstein festgesetzt hatte, versuchte von dort aus die alte Prager Straße (heute Schöberpass) zu sperren, um den Vormarsch der Schweden nach Böhmen zu stoppen. Die Grundherren waren längst in das Landesinnere geflohen und nur die armen Leute mussten in ihren Dörfern ausharren. Sie erhielten unfreundlichen Besuch von schwedischen Kontributoren, die ihnen auch noch das letzte Hemd wegnahmen. Darunter war auch der damalige Obrist Carl Gustav Wrangel (1613-1676), der versuchte in den Dörfern um Rumburg Proviant aufzutreiben. Dabei kam es zu einem ersten Gerangel auf dem Hügel bei Schönborn (die Stelle heißt noch heute „Schwedenfriedhof“), das für die Kaiserlichen schlecht ausging und sie zurück auf den Tollenstein fliehen mussten. Die Kaiserlichen feuerten von dort mit ihren Kanonen auf die nachrückenden Schweden, worauf Wrangel eigene Kanonen heranschaffen ließ um das Feuer zu erwidern. Er benutzte dazu auf einem Eisenrost glühend gemachte Kugeln, um die Burg in Brand zu schießen. Es dauerte auch nicht lange, da gerieten die Holzaufbauten in Flammen und auch an ein Löschen war in dem aufkommenden Chaos nicht zu denken. Matlohe, welcher so lange wie möglich die Burg tapfer verteidigte, verließ bei Einbruch der Nacht das brennende Schloss und zog sich mit seinen Leuten in die nahen Waldungen zurück. Die einst stolze Veste brannte wie eine riesige Fackel die ganze Nacht hindurch und auch noch den folgenden Morgen und zum Schluss standen nur noch rußgeschwärzte Mauern und Wände und berichteten von dem Debakel. Dazwischen wühlten die beutegierigen Schweden in den noch dampfenden Schutt nach noch irgendwie brauchbaren Dingen. 

Damit war es mit dem Tollenstein vorbei. Niemand hatte mehr Lust, das Schloss wieder aufzubauen. In den folgenden Jahrhunderten wurde er mal legal, mal illegal als billiger Steinbruch genutzt. Insbesondere der Erbauer des „Alten Gerichts“, dessen Fundamente mit einem Fachwerkhaus man noch heute vor einem kleinen Teich direkt unterhalb des Burgfelsens besichtigen kann, ruinierte die Ruine vollends. Wenn man heute den Tollenstein besucht, muss man schon sehr viel Phantasie walten lassen, wenn man sich die Burg in ihrer Blüte vorstellen möchte. Vielleicht hilft diese kleine Abhandlung dabei, den dunklen Mauern einen Hauch von lebendiger Geschichte abzutrotzen…
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GPS-Koordinaten:  50° 51,42930 ' N / 14° 34,90577' E

Tollenstein in Wikipedia
Tollenstein in Lausitzer Gebirge
Tollenstein in www.ohradech.eu

Grundriss der Burg nach D. Menclovà (1976)


Eine der wenigen Geschichtsforscher, die etwas Schriftliches über die ältere Geschichte der Burg Tollenstein hinterlassen haben, war Bohuslav Balbino.


 "Löwenköpfchen" an einem steinernen "Schuppen" am Weg hinunter ins Innozenzidorf...





 Albrecht Berka von der Duba (Heimatmuseum Böhmisch-Leipa)


Der Tollenstein auf einer Zeichnung von Karl Brantl (1801-1871) um 1830

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