Burg auf dem Roll (Ralsko) bei Niemes (Mimon)


Was hat schon seit grauen Jahren
Unser Roll im Polzental geseh’n?
Der Hussiten trotzig wilde Scharen
Sah er kommen, kämpfen und – vergeh’n.
Doch die deutschen Gau’n
In der Polzenau’n
Blieben fest im Wettersturm bestehen!

Das Lied vom Roll,  J.L.Haase


Eine der eindrucksvollsten Berge um Wartenberg (Straz pod Ralskem) und Niemes (Mimon) ist der 696 Meter hohe Rollberg oder Roll (Ralsko), ein ehemaliger tertiärer Vulkan, dessen Schlot die unterliegende kreidezeitliche Sandsteinplatte durchstoßen und einen noch heute mächtigen Kegel aus Phonolith aufgebaut hat. An seinem unmittelbaren Fuß finden wir den Ort Neuland am Roll (Noviny pod Ralskem) sowie das kleine Rabendörfel (Vranov) unterhalb der Juliushöhe. Beide eignen sich als Ausgangspunkte für eine Besteigung des Rollbergs.

Was diesen Berg besonders interessant macht, sind die steinernen Reste einer der ältesten Burgen Böhmens, die seinen Gipfel zieren. Über ihr wird noch Einiges zu berichten sein.




Für den Aufstieg bieten sich zwei Wege an. Entweder direkt vom Rabendörfel  (Vranov) aus (der Weg beginnt am sogenannten Molkenkrug, einem schlanken alleinstehenden Sandsteinfelsen) oder von Neuland (Noviny pod Ralskem) kommend von der Verbindungsstraße aus über den neu markierten Wanderweg. Er folgt in etwa dem klassischen Aufstieg, den einst auch die Erbauer der Burg und die Burgbesatzung nehmen mussten. Er beginnt recht flach, führt an einem einzelnen Bunker der Schöberlinie vorbei um dann steil durch einen herrlichen Buchenwald (der stellenweise durch den Orkan Kyrill stark gelitten hat) stetig bergauf zu führen. Im oberen Drittel biegt er in einen ringförmigen Pfad um den Gipfel ein der dahingehend bemerkenswert ist, da er teilweise noch auf einem relativ breiten, mit  Tephritgeröll befestigten Weg verläuft. Über ihn muss man einst die riesigen und schweren Sandsteinblöcke transportiert haben, die man heute noch als Bestandteile der Burgruine sehen kann.

An der höchsten Stelle dieses Ringweges geht dann rechtwinklig und sehr steil der eigentliche Weg zum Gipfel ab. Folgt man dagegen den Weg geradeaus, dann geht es wieder den Berg herab und man gelangt direkt ins Rabendörfel (Vranov). Dieser Weg kann natürlich auch alternativ als Aufstieg benutzt werden.  Aber wir wollen hier den Aufstieg zum Gipfel wählen. Auf der linken Seite des Weges neigen sich eindrucksvoll die ausgedehnten Geröllfelder – auch steinerne Meere genannt – die Bergflanke herab. Sie prägen das Bild des Roll, wenn man ihn z.B. von Niemes (Mimon) aus betrachtet. Am Ende dieses steilen Aufstiegs, der uneben über Steine und Wurzeln alter Bäume verläuft, gelangt man an die Gipfelfelsenwand, an deren Durchbruch sich eine kleine, aber feine Aussichtsplatform befindet. Von hier aus hat man bei guter Sicht einen wunderschönen Blick auf die Stadt Niemes (Mimon) mit seiner Kirche St. Peter und Paul, auf die beiden Bösige sowie über die Wälder bei Hühnerwasser und des ehemaligen militärischen Sperrgebietes, welches sich noch vor wenigen Jahrzehnten zwischen Oschitz und dem Kummergebirge erstreckte.

Die Burgruine

Jetzt sind es nur noch wenige dutzend Meter, um den Gipfelpunkt mit der uralten gotischen Burgruine zu erreichen. Der schmale Pfad führt an einer Felsenenge vorbei, über der sich in schwindelnder Höhe die Reste des kleineren der beiden Wohntürme erheben. Es dauert dann nicht mehr lange, und man steht vor der erstaunlich kleinen, mit behauenem Sandstein eingefassten Eingangspforte zur Burg. Was nach ihrem durchschreiten sofort auffällt, ist der bis auf die erste Etage eingefallene Wartturm linkerhand sowie der mächtige, noch relativ gut erhaltene große und mächtige Wohnturm. Zu ihm führt ein schmaler Pfad an der kaum noch vorhandenen Mauerkante der ehemaligen, die Burg umgebenden Ringmauer, hin. Dabei kommt man kurz hinter dem Eingang an der ehemaligen Burgzisterne vorbei, die aber leider nur noch ein mit Wasserlinsen und Plasteflaschen bedecktes und ansonsten verschüttetes unförmiges Wasserloch darstellt.

Der Wohnturm, das Hauptgebäude der ehemaligen Ritterburg, ist ein Gebäude von unerschütterlicher Festigkeit mit fast zwei Meter dicken Mauern, an deren Kanten große Sandsteinblöcke eingearbeitet sind. Sie fallen durch ihre feine Bearbeitung und helle Färbung auf. Da es auf dem Roll keinen Sandstein gibt, mussten diese z. T. mehrere Zentner schweren Blöcke einst von Menschen, deren Schicksal längst im Dunkel der Geschichte vergessen ist, mit großer Mühe auf den Berg gebracht worden sein.

Auf der Westseite befindet sich das gut zwei Meter hohe und anderthalb Meter breite Eingangstor, welches heute eine verwitterte Holzbrettertür enthält. Da es keine Treppe mehr gibt, muß man etwas klettern, um in das Innere der Hauptburg zu gelangen. Wenn das geglückt ist, wundert man sich als Erstes darüber, dass die Hälfte des unteren Raumes durch einen schräg nach oben ragenden natürlichen Felsen gebildet wird, der einst bis zum ersten Stock reichte und den nutzbaren Innenraum damit maßgeblich verkleinerte. Natürlich war zu den Zeiten, als die Burg bewohnt war, das Innere des Wohnturms mittels Holzkonstruktionen in mehrere, wahrscheinlich drei Etagen untergliedert, die mehr oder weniger wohnlich eingerichtet waren. Die Wohnfläche jeder Etage betrug dabei ungefähr 38 Quadratmeter. Hier lebten die Mitglieder der Dynastien, denen einst die Burg gehörte. Man erkennt heute noch, dass sich im ersten Stockwerk zwei große Bogenfenster befanden, von denen eins in Richtung Nordosten und das andere in Richtung Südosten zeigte, jedes 4 Meter breit und zwei Meter hoch, worin einige steinerne Sitzbänke angebracht waren.

Hier sollte man einmal kurz innehalten und sich versuchen vorzustellen, welche Kraftanstrengung es bedeutete, auf dieser unebenen felsigen Bergkuppe mit seinen rechts und links steil abfallenden Flanken einen solchen mächtigen Turm zu errichten.

Begeben wir uns nun wieder zurück in dem nicht ganz so gut erhaltenen Ostteil der Burgruine. Sie wird durch einen stärker zerstörten kleineren Wartturm dominiert, in dem wahrscheinlich einst das Gesinde und das Wehrvolk untergebracht waren. Dazwischen kann man noch einen beide Türme verbindenden Gebäudekomplex erahnen, von dem außer einem Teil der Seitenmauern nicht viel erhalten geblieben ist. Davor, ungefähr in Höhe der Burgpforte, befand sich der Burg- oder Versammlungsplatz, der heute aber durch die eingestürzten und verfüllten Keller und Gewölbe sehr uneben erscheint. Von ihm aus sind sehr schön die Reste der 2 Meter breiten Außenmauer, die vielleicht einmal einen hölzernen Wehrgang getragen hat, deutlich zu erkennen. 

Im Vergleich zum Oybin, dem Dewin oder dem Bösig war die Rollburg nicht besonders groß. Durch ihre steile und abgelegene Lage stellte sie trotzdem für ihre Besitzer eine sichere Feste dar, die mit den Mitteln der Kriegskunst des Mittelalters kaum einzunehmen war. Hier lohnt es sich, etwas über die Geschichte dieser Burg und ihrer Besitzer zu erzählen, die bis weit in das 13. Jahrhunderts zurück reicht und die eine der ersten Burgen in Böhmen war, die nach deutscher Art aus Stein erbaut wurde. 

Geschichte der Burg

Ihr Ursprung ist zugleich auch der Ursprung des einst mächtigen Adelsgeschlechts der Wartenberger, welches wiederum aus dem Geschlecht der noch älteren Markwartinger hervorgegangen ist. Viele Mitglieder dieser Familie haben in oftmals rühmlicher, manchmal aber auch unrühmlicher Weise ihre Spuren in der böhmischen Geschichte und der Geschichte der Oberlausitz hinterlassen, bis sie mit Johann Georg Wartenberg im Jahre 1625 erloschen ist. Der Name Wartenberg („Wart am Berg“) bezieht sich auf eine alte Feste am Fuße des Rolls im Bereich der heutigen Stadt Wartenberg (Straz pod Ralskem) am Rande des vor über 800 Jahren noch kaum zugänglichen Grenzgebirge zur Lausitz und zu Schlesien, wo der Familienclan seinen Anfang nahm.

Hermann von Ralsko wird bereits in den Jahren 1175 bis 1197 erstmalig urkundlich erwähnt. Aus der wahrscheinlich zuerst überwiegend aus Holz erbauten Burganlage entstand zu dieser Zeit eine feste steinerne Burg, die noch viele Jahrhunderte im Besitz der Wartenberger bleiben sollte. Viele Mitglieder dieser Familie sind den Geschichtsschreibern des alten Böhmens durchaus bekannt, obwohl Daten aus ihrem Leben oft nur bruchstückhaft überliefert sind. Auch wenn sie ab und an die Burg von Vasallen verwalten ließen, haben sie ihrem Namen immer „von Ralsko“ nachgestellt. So ist bekannt, das Johann von Wartenberg, Herr auf Ralsko, im Jahre 1380 seinem Dienstmann Hermann (der sich übrigens dann auch „von Ralsko“ nannte) das Dorf Medney samt umliegender Waldung unter Vorbehalt auf Lebenszeit zum Lehen gab. Zehn Jahre später übten die Brüder Johann, Wenzel und Peter von Ralsko, wahrscheinlich die Söhne des 1360 erwähnten Wanko von Wartenberg, das Patronatsrecht über die Kirche von Niemes aus. Was aus Wenzel und Peter von Ralsko geworden ist, weiß man nicht. Lediglich Johann taucht 1405 wieder als Burgherr, als „Johann Chudoba von Wartenberg auf Ralsko“ in Erscheinung. Es wird berichtet, dass er der Pfarrkirche zu Wartenberg zu Fronleichnam einen neuen Altar sowie eine beachtliche jährliche Rente gestiftet hat. Außerdem muss er sich mehrmals mit seinem König Wenzel (des IV, 1361-1419) überworfen haben. Gründe waren Besitzansprüche an der Stadt Weißwasser am Bösig, die in den Jahren 1406 und 1418 sogar zu ernsten kriegerischen Auseinandersetzungen führten. 

In jener Zeit begann immer mehr das Hussitenunwesen in den Ländern der böhmischen Krone Fuß zu fassen. Die Hussitenbewegung, die als Reaktion auf die Verbrennung des Prager Professors, Theologen und Reformators Jan Hus (um 1370-1415) entstanden war und auf die der erste Prager Fenstersturz von 1419 zurückgeht, sollte schnell zu einer politischen und militärischen Kraft werden, welche die Mitte Europas in eine fast zwei Jahrzehnte anhaltende Krise stürzte.

Johann Chudoba war alles andere als ein Hussitenfreund. Im Dienste der Witwe Sophie des kurz nach dem Prager Fenstersturz verstorbenen Königs Wenzel ging er mit seinem Kriegsvolk gegen die Aufständischen vor und besetzte im Frühjahr 1420 die Prager Burg. Dort wurde er kurze Zeit später von seinen eigenen Vettern, die dem neuen böhmischen König Sigismund (1368-1437) untreu geworden sind, samt seinen Hauptleuten gefangen gesetzt. Aber bereits ein Jahr darauf, so berichten die alten Aufzeichnungen, kämpfte er wieder auf kaiserlicher Seite gegen die Hussiten, die zu diesem Zeitpunkt bereits einen großen Teil Böhmens und Mährens unter ihren unheilvollen Einfluss gebracht hatten. 

Ab dem Jahre 1426 begannen hussitische Armeen auch die Oberlausitz zu bedrohen, die in mehreren Wellen das Land und die Orte des Sechsstädtebundes heimsuchten. Dass sie da auch der Burg auf dem Rollberg einen Besuch abstatteten, ist dabei nicht verwunderlich, denn immerhin saß da oben einer ihrer ärgsten Feinde. Dieser „Besuch“ geschah in den letzten Apriltagen des Jahres 1426, nachdem die Hussiten die Stadt Niemes zerstört und völlig niedergebrannt hatten. Nur zu ihrem Pech war die Burgbesatzung auf der Hut und die Bestürmung der Felsenburg ging völlig schief und viele Hussiten blieben tot oder verletzt auf den umliegenden Felsen liegen. Johann Choduba von Ralsko hat über diese Begebenheit selbst in einen Brief an die Besatzung der Burg Landeskrone bei Görlitz berichtet:

„und auf den Abend sy sich derhuben in den Pergk Rol und wolden sich versucht haben vorbas zu dem Haws, hoben Schaden genommen also sy von der meynen sint myt Schaden abgetrieben“.

Noch im gleichen Jahr änderten sich die Besitzverhältnisse an der Burg und ein anderer „Johann“ von Wartenberg, der diesmal den Hussiten freundlich gesinnt war und sich ihnen sogar anschloss, zog in die Feste ein. Da die Loyalitätsverhältnisse der Mitglieder des Hauses Wartenberg gegenüber ihren König Sigismund unterschiedlich ausgeprägt waren, kam es oft vor, dass sich die Verwandten gegenseitig bekriegten. So musste z. B. Sigmund von Wartenberg eine zeit lang als Gefangener seines Vetters Johann des Älteren in einem Turm der Rollburg ausharren.

Dieser „Johann“ beteiligte sich der Sitte der Zeit folgend zusammen mit den Hussiten auch maßgeblich an der Verwüstung der Lausitz und vielleicht sogar an der erfolglosen Belagerung des Oybins im Jahre 1429. Aus dem gleichen Jahr existiert noch eine Notiz, dass er zusammen mit seinem Bruder Marquard die nahegelegene Burg Dewin seinem Verwandten Benesch von Wartenberg vermachte und dass er bei der Veräußerung der Burg Struhanken an die Herren von Waldstein im Jahre 1432 als Zeuge aufgetreten ist. Unter welchen Bedingungen und warum diese Burgen verkauft wurden, wissen wir nicht, da sich darüber die Quellen ausschweigen.

Bekannt ist jedoch, daß um das Jahr 1434 herum die Rollburg genauso wie das Schloss Wartenberg an seinem nördlichen Fuß und der Grafenstein bei Grottau (Hradek) den Wartenbergern verlustig ging. Was die Rollburg betrifft, so soll sie ein gewisser Czapek von San übernommen und zu einem üblen Raubnest gemacht haben. Ein Beschwerdebrief der Sechsstädter Bürger an den Kaiser Sigismund vom 28. März 1435 weist auf die nicht mehr hinnehmbaren Schäden hin, welche die Raubritter in der Umgebung verursachten. Allein sein Mitkumpane Steffan Tlach mit seinen mehreren dutzend Reitern, die sich auf Burg Grafenstein eingenistet hatte, war ein von Zittau bis Görlitz weithin gefürchteter Raubritter, von denen es in dem Brief heißt, dass seine Leute „reyten, börnen, heeren, morden, fohen die lute und legen H. Reichs Strasse gar darnieder“

Bereits 1433 begannen eine Reihe von Feindseligkeiten gegen den Sechsstädtebund, an denen viele Mitglieder der Familie Wartenberg, insbesondere aber Sigismund I von Wartenberg und seine Söhne, direkt beteiligt waren und die sich fast ein Jahrzehnt hinzogen. Grund war die Hinrichtung eines von Wartenberg auf Ralsko in Zittau am 21. Dezember 1433. Dieser war vom damaligen Lausitzer Landvogt Thimo von Kolditz festgesetzt worden, nach dem bei einer vereinbarten Übernahme der Burg Grafenstein durch die Zittauer 8 von ihnen erschlagen und 26 gefangen genommen worden sind, obwohl Zittau den Kaufpreis von 400 Schock Prager Groschen vereinbarungsgemäß bezahlt hatte. So gesehen war der Landvogt durchaus im Recht. Der kurze Prozess gegen einen Wartenberger sollte aber für Zittau und für die anderen oberlausitzer Städte noch ein furchtbares Nachspiel haben, welches als „Wartenberger Fehde“ in die Geschichte eingegangen ist. Johann der Ältere von Wartenberg auf Ralsko und mit ihm seine ganze Sippe schworen nämlich blutige Rache für seinen Sohn, der in Zittau nach einem kurzen Prozeß nach einigen Quellen enthauptet und nach anderen zu Tode geschliffen und gevierteilt wurde und setzte sie auch in die Tat um. Besonders tragisch für Zittau war, dass im Jahre 1436 die Grenzfeste Karlsfried am Gabler Pass durch kaiserliche Schenkung an die Herren von Ralsko kam, die sie dann zu permanenten Raubzügen zu den Dörfern und Städten am Fuße des Gebirges nutzten. Außerdem kam auf diese Weise der Handel über die wichtige Gabler Pass-Straße nach Böhmen fast völlig zum erliegen, was besonders den Zittauern große finanzielle Schaden zufügte. Aber auch vom Tollenstein und vom Dewin machten sich immer wieder bewaffnete Reiterscharen auf, um das Gebiet der Oberlausitz zu überfallen und zu berauben. Man sagt sogar, dass diese zehnjährige Fehde dem Sechsstädtebund mehr Schaden zufügte als alle Hussiteneinfälle zusammen. Der am 25. Juli 1440 unterzeichnete Landfriedensvertrag sollte eigentlich dem Rauben und Brandschatzen ein Ende setzen. Aber trotz dieser Vereinbarung setzen die Wartenberger ihre Fehde fort, so dass sich im darauffolgenden Jahr die Oberlausitzer zusammen mit ihren Meissner Verbündeten auf den Weg nach Böhmen machten, um die Burgen der Wartenberger ein für allemal zu schleifen und um sie so zum Frieden zu zwingen. Im Ergebnis dieses Waffengangs mussten die Wartenberger schließlich die Grenzfeste Karlsfried und die Burg Winterstein im Elbsandsteingebirge förmlich verkaufen. Karlsfried wurde im Folgejahr 1442 von Zittauer Bauleuten unbewohnbar gemacht und auch dem Winterstein (dessen Name „Hinteres Raubschloss“ noch an jene Tage erinnert) ereilte das gleiche Schicksal.

1444 flammten die Feindseligkeiten zwischen dem Sechsstädtebund und Johann von Ralsko, der jetzt in Tetschen residierte, wieder auf. Dabei wurde die Burg auf dem Dewin einer langen, aber weitgehend erfolglosen Belagerung unterzogen und das oberlausitzer Heer musste unverrichteter Dinge wieder abziehen. An der als uneinnehmbar geltenden Rollburg scheinen sie dagegen eine Belagerung gar nicht erst versucht zu haben.

In der Folgezeit wechselte die Burg mehrfach ihre Besitzer, was nicht ohne Streitereien abgegangen ist. Auf jeden Fall weiß man, dass Johann von Wartenberg am 31. August 1457 die Burg zurück bekam. 

Johann von Wartenberg wurde ein begeisterter Anhänger des böhmischen Königs Georg von Podiebrad (1420-1471), dessen Mutter Anna selbst eine geborene Wartenberg war. Da er an der Königswahl zu Gunsten Georgs 1458 direkt mitwirkte, erhielt er 1460 das erbliche Amt des Mundschenks des Königs. Außerdem wurde er zum Landvogt der Lausitz ernannt. 1664 verstarb er betagt in Bautzen und wurde mit großen Ehren in der Kirche des Barfüßerordens begraben.

Nach seinem Tod erbte einer seiner Söhne, Christoph von Wartenberg neben dem Tollenstein, dem Habichtsstein und der Feste Dewin auch die Rollburg. Sein Bruder Sigismund dagegen weilte in Prag und übte dort das für die Versorgung des königlichen Hofs wichtige Amt des Mundschenks aus (oder besser, ließ es ausüben, denn der „Mundschenk“ war genaugenommen wie der Marschall oder Truchsess ein erbliches Ehrenamt am königlichen Hof). 

Als es im Jahre 1467 wieder zu Feindseligkeiten zwischen den Wartenbergern und dem Sechsstädtebund kam, begann auch der Anfang vom Ende der stolzen Burg auf dem Roll. Von diesem „Ende“ geben im Wesentlichen zwei Quellen Auskunft. Einmal findet diese Begebenheit in einem Nebensatz in Carpzovs Chronik Erwähnung. Etwas ausführlicher beschreibt sie Peter Eschenloher in seiner Geschichte der Stadt Breslau, weshalb seine Textstelle hier zitiert werden soll:

„1468 umb Martini erstiegen 12 Trabanten aus der Stadt Zittaw das hohe feste Schloß Rol genannt, Meilen von der Zittau, bei Niemes, und schlugen dabei zu Tode den Herrn mit allem seinem Gesinde und funden dabei viel Güter, die die umbliegenden Ketzer umbs Frieden willen geführet hatten. Es war eine ungeheuer ritterliche That. Die Zittawer besetzten das Schloß wohl.“

Dieses als „ungeheuerliche ritterliche Tat“ eingeschätzte Unternehmen, an dem auch der Landvogt der Oberlausitz, Jaroslaw von Sternberg, beteiligt gewesen sein soll, muss zu seiner Zeit viel Aufsehen in der nahen und ferneren Umgebung hervorgerufen haben, denn noch viele Jahrhunderte danach erzählte man sich von Mund zu Mund eine Sage darüber. Danach sollen die Zittauer am 10. November 1468 den Roll bestiegen und sich über eine List Einlass in das „feste Schloss“ verschafft haben. Die Sage erzählt, dass sie, nachdem sie den Viehhirten erschlagen hatten, in der Abenddämmerung zusammen mit dem Vieh in den Burghof gelangten.

„Der Thorwächter öffnete bei dem ihm wohlbekannten Klange der Herdenglocken, nichts ahnend, das Einlaßpförtchen. Er wurde ebenso wie die in Schrecken versetzte Besatzung übermannt. „

Der Feuerschein der brennenden Burg verkündete die Verwüstung der zu einem Raubnest verkommenden Stammburg der mächtigen Wartenberger. Von diesem Schlag hat sich die Rollburg nie wieder erholt. Sie wurde zwar kurz danach wieder in einen bewohnbaren Zustand versetzt. Die Wartenberger suchten sich aber eine bequemere Bleibe und nur eine Burgbesatzung verblieb auf dem nur schwer zugänglichen Felsen. Die Beziehungen zu den Sechsstädten scheinen sich auch dramatisch verbessert zu haben, denn der Magistrat von Zittau verfügte 1479, dass ein „halbes Fuder Bier“ der Burgbesatzung zum Geschenk gemacht werden soll. 

Die restliche Geschichte der Burg ist eine Geschichte des Abstiegs und des Zerfalls. Am 10. Dezember 1481 wurde sie von Christoph von Wartenberg samt Meierhof und einem öden Dorf an seinem Fuße an Hans Zedlitz von Zedlitz verkauft, der aber damit auch nicht viel anfangen konnte. So wurde sie wieder zeitweise ein Ausgangspunkt von Räuberbanden, welche die Umgebung heimsuchten. Später wechselte die Burg noch öfters ihren Besitzer. Sie kam abwechselnd an die Herren von Waldstein, von Bieberstein und an andere, heute weitgehend unbekannte Herrschaften, was sich aber nicht zu ihrem Vorteil entwickelte. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts war sie dann endgültig eine verlassene Ruine und völlig unbewohnbar geworden. 

Das edle Geschlecht der Wartenberger verabschiedete sich aus der Geschichte Böhmens an dem Tag, als im Jahre 1625 Heinrich Otto von Wartenberg zusammen mit seiner Frau und seinen Kindern auf dem Schloss Rothenhof von rebellischen Bauern grausam erschlagen wurde.

Denken sie an die wechselvolle Geschichte der Feste Roll, wenn Sie vom Schauenstein aus ihren Blick über die Landschaft schweifen lassen, so wie es einst auch Herrmann von Ralsko tat.

Zoll- und Geleitburg Karlsfried am Gabler Pass


Unweit der Straße von Zittau nach Lückendorf - ungefähr mittig zwischen der Mühlsteinkurve und dem Forsthaus - gelangt man auf einem Trampelpfad zu einer Felsengruppe, dessen Spitze ein paar wenige uralte Mauerreste birgt. Zwar war ich schon oft hier oben, aber es ist immer wieder schön, einen Ort zu besuchen, der irgendwie einen Hauch von Geschichte ausstrahlt und uns in eine Zeit zurück versetzt, wo das Königreich Böhmen (zu der damals auch die Oberlausitz gehörte) unter der Regentschaft des Kaisers Karl IV eine wahre Blütezeit erlebte, die aber bereits ein dreiviertel Jahrhundert später durch die unseglichen Hussitenkriege wieder zunichte gemacht wurde. 



Heute weiß keiner mehr, wer die Pläne dieser ehemals doch recht ansehnlichen Burg erstellt haben mag, wer die Handwerker und Steinbrecher waren, die sie innerhalb weniger Jahre erbauten und was sich wohl die Raubritter aus dem Geschlecht der Wartenberger hinter ihren Mauern sich erzählten und planten, als sie die Feste übernommen hatten. Was also hat sich über die Burg Karlsfried neben den wenigen Mauerresten bis in unsere Tage überliefert? Darüber möchte ich jetzt etwas erzählen.

Geschichte und Zweck der Burg

Die Oberlausitz war zur Zeit Karls IV eine Grenzmark, abgetrennt vom böhmischen Kernland mit der Kaiserstadt Prag durch das damals noch sehr unwirtliche und nur von wenigen Wegen durchschnittene Lausitzer Gebirge. Von hier aus gelangten Waren von Zittau aus über den Gabler Paß in das Herz Böhmens. In der Oberlausitz trafen sich Handelswege vom süddeutschen Rhein über Leipzig bis nach Schlesien (Via Regia) mit Handelswegen, die von Norden nach Süden führten. Sie begründeten zusammen mit der Förderung des Patriziertums durch den Kaiser in Prag den Reichtum der „Sechs Städte“ der Oberlausitz, die sich im Jahre 1346 zu einem Bund zusammenschlossen. Zittau hatte, was den Handel betraf, eine besondere Bedeutung. Von hier aus verzweigten sich zwei Wege nach Böhmen – einmal die Leipaer Straße, die unweit am Oybin mit seiner imposanten Burg- und Klosteranlage vorbei führte und zum anderen die Gabler Straße, die über den Lückendorfer Paß ihren Weg nach Böhmen nahm. Auf beiden „Straßen“ kann man heute noch entlang wandern. Damals waren „Straßen“ allenfalls teilweise befestigte Wege, wo Pferdekarren mehr oder weniger mühselig vorankamen. So unterscheidet man z.B. in der Oberlausitzer Grenzurkunde von 1241 Pfade, Steige, Wege und die genannten „Straßen“. Während Steige und Wege sich über die Jahrhunderte veränderten oder verschwanden, waren die „Straßen“ eine feste Größe im Verkehr jener Zeit. Straßen waren aber auch immer ein gefährliches Pflaster. Der lokale Adel, der meist in Opposition zum Kaiserhaus und zu den Städten stand, bemächtigte sich ihrer und lebte oft ganz gut von Raub und Schutzgeld. Andererseits waren die „Straßen“ die wichtigsten Lebensadern und Einnahmequellen der Städte. Straßen wurden befestigt, ausgebaut, „Steige“ und „Wege“ geschliffen, um den Verkehr besser überwachen zu können. Aus Straßen wurden „Geleitstraßen“, die von bewaffnetem Begleitpersonal geschützt wurden. Finanziert wurde das alles durch Wegzölle, die vom Kaiser erhoben, aber an die Städte verpachtet werden konnten. Solche Zollstellen wurden oftmals an speziellen Schutz- und Geleitburgen eingerichtet. Die rechtlichen Grundlagen dafür waren bis ins Einzelne ausgearbeitet und codifiziert. Fuhrleute wussten genau, welche Wege sie nehmen durften, wo sie (z. B. an steilen Passstraßen) Unterstützung und Geleitschutz bekommen und wie viel sie dafür an den Zollstationen zu löhnen hatten. Wer sich der Zollpflicht widersetzte und dabei erwischt wurde, sollte nach des Kaisers Geheiß zur Strafe jeweils ein Rad vom Wagen abgenommen werden.

Als Kaiser Karl IV die „Straße über den Gebler“ zur Reichsstraße machte, befahl er zu deren Sicherung und als Zollstation im Jahre 1357 oberhalb des „Ausspanns“ (dort, wo heute der „Mühlstein“ des Mühlsteinberges liegt) eine Zoll- und Geleitburg zu errichten. Man nutzte dazu geschickt eine nahe der Straße befindliche Felsgruppe aus, auf die aus Stein und Holz unter der Aufsicht des Bösiger Burggrafen Ulrich Tista von Liebstein ein durchaus respektabler Bau errichtet wurde. 

Wie die Burg einmal ausgesehen hat, ist nur in Rudimenten bekannt. Im Zittauer Ratsarchiv hat sich eine Zeichnung erhalten, aus der man entnehmen kann, dass sie zwei Tortürme und einen Bergfried besessen hat.
Von dem rechten Wartturm ist nur noch ein nicht mal ein Meter hoher Rest erhalten geblieben. Er hatte ehemals einen quadratischen Grundriss von ungefähr 3x3 Meter. Der Torturm mit der Zugbrücke, die einst eine Felsenspalte überbrückte und die den Zugang zum Burghof ermöglichte, ist vollständig verschwunden. Weiterhin findet man, wenn man sich die Trampelpfade zur Burg hinauf begibt, noch einzelne unbedeutende Mauerreste, die man dem ehemaligen Bergfried zuordnen kann. Am höchsten Punkt findet man auch die Reste des zweiten Turms, in dessen Mauerritzen heute die Mauerraute (ein Farn) wuchert. Von diesem Turm konnte man früher die gesamte Gabler Straße bis nach Zittau überblicken. Heute ist das aufgrund der hohen Buchen, welche die Sicht z. T. verdecken, nicht mehr möglich. Zur Hochzeit der Burg war natürlich der gesamte Baumbestand herum gerodet und zu einer Palisade, die den Zollhof umgab, verarbeitet worden. Die Mauern, welche die Burg an ihren Flanken schützte, sind nicht mehr vorhanden. Nur einzelne, metergroße Reste, kann man noch an den Hängen liegen sehen. Mit etwas Aufmerksamkeit findet man auch noch einen kleinen, fast verschütteten und deshalb völlig unzugänglichen Keller im Bereich des zweiten Turms. Im 19. Jahrhundert hat man die Burgstätte nach Altertümern abgesucht, aber nicht viel gefunden. Man fand lediglich unbedeutende Kachelreste eines Ofens, ein paar wenige böhmische Groschen, geprägt zur Zeit Wenzel II sowie metallische Reste von Waffen wie Lanzenspitzen, von Streitbeilen sowie ein paar Hufeisen. 

Über die Erbauung der Burg haben wir nur Kunde von dem Zittauer Stadtschreiber Johann von Guben, in dessen Chronik man lesen kann:

Do noch M.CCC lvij. Iar, v. kal. Augusti, liz Keiser Karil buwen Karlzvried, daz vf dem gebirge; daz buwete eyn ritter, der hiz Ulrich Cista, vm daz, daz arme lute deste sichire czogen obir daz gebirge.

Weitere Aufzeichnungen aus anderen Quellen bestätigen noch mal das Jahr 1357 als Jahr des Baubeginns. Von der ursprünglichen Intention hatte die Burgbesatzung zwei Aufgaben. Einmal mußte sie den Wegezoll (der u.a. auch Naturalien in Form von Hafer für die Pferde sein konnte) eintreiben und zum anderen die Fuhrleute bis zum Tor der Stadt Gabel schützend begleiten. Von der Zittauer Seite wurden zusätzliche Gespanndienste angeboten, um die schweren Wagen über den Steilanstieg (die Haarnadelkurve gab es damals noch nicht) von der Johannisquelle bis zum „Ausspann“ zu bringen. Das muß bei ungünstigen, nassen Wetter eine furchtbare Tortur für Pferd und Mensch gewesen sein. Deshalb hatte ein Mäzen im Jahre 1392 der Stadt Zittau nicht unbedeutende Geldmittel vermacht für den Zweck, die Gabler Straße mit einer Steinpflasterung zu versehen. Ihm zu Ehren wurde ein Steinkreuz gestiftet und auch errichtet. 

Neben den Geleit- und Zollaufgaben sollte die Burg auch Sitz eines Landvogtes werden, der für die Sicherheit und Gerichtsbarkeit des Zittauer Landes zu sorgen hatte. Einige von ihnen haben sicherlich eine gewisse Zeit auf Karlsfried auch gewohnt. 

Von 1364 sind Urkunden überliefert, die beweisen, dass Karl IV Karlsfried gegen eine gewisse Pacht der Stadt Zittau überlassen hat, die nach diesem Vertrag auch die Zölle als Einnahmen verbuchen durfte. Johann von Guben fand diese Angelegenheit so erwähnenswert, dass er ein paar Zeilen in seiner Chronik dafür erübrigte:

Anno Domini M.CCC. lxiiij wart desin scheppin vnd rathe dy lantvoygthy vnd di pflege desez wychbildes vnd dy huzere Karlsfrede vnd ouch Owyn vnd dy czolle beyde in der stat vnd uf dem Gebler bevolen czu Budissin, vnd mussten alle iare geben dor von vnd ouch von landgobe CCC schock, vnd daz war in der wochen nach phingsten.

1366 wurde dann dieser Vertrag erweitert, in dem auch die Landvogtei den Zittauern überlassen wurde. Außerdem wurde Zittau zur Unterhaltung des (heute nicht mehr existenten) Kaiserhauses an der Wasserpforte, der Burg und des Klosters Oybin und von Karlfried (dem „newen hus“) für jeweils zwei Jahre verdonnert. Daraus kann man schlussfolgern, dass mit diesem Vertrag die kaiserliche Geleitmannschaft der Burg Karlsfried durch eine Zittauer ersetzt worden ist. Auf jeden Fall muss sich die Angelegenheit für die Zittauer Bürger zu einem Verlustgeschäft entwickelt haben, denn die Zolleinnahmen deckten in der Summe nicht einmal annähernd die an den Kaiser zu zahlende Pacht, wie von Guben resigniert notiert.

Die nächsten Jahrzehnte wurden die Pachtverträge immer wieder verlängert, wobei sich die Bedingungen und auch die verantwortlichen Zittauer Landvögte laufend änderten. Das ging bis 1412, dem Jahr, in dem König Wenzel die Zittauer Landvogtei an den Landvogt von Budissin und Görlitz, Hinko Berka von Duba, verpfändete. Daraus entwickelte sich in der Folgezeit eine einzige Landvogtei für die gesamte Oberlausitz, was sich im nachhinein noch als großer Vorteil herausstellen sollte. Mit diesen Ereignissen verlor jedenfalls Karlsfried rapide an Bedeutung. Ihre Leitung wurde an einen Landeshauptmann mit einer kleinen Besatzung übergeben, die dort ihren Zoll- und Geleitdiensten nachkamen. Doch dann kam der Feuertod des Reformators Jan Hus (6.Juli 1415 in Konstanz), die einige Jahre später zu den Hussittenkriegen führten. Sie erreichten auch das Zittauer Land, als im Jahre 1420 eine kleine Streitmacht von Hussitten, die über die Leipaer Straße anmarschiert war, vergeblich versuchte, den Oybin zu erobern. Ein Jahr später, im Mai 1421, näherte sich eine weitere hussittische Streitmacht unter Jan Ziska von Trocnov persönlich der Oberlausitz, diesmal über die Gabler Straße. Er versuchte, wie man einem Brief des Zittauer Rates an den Rat von Lauba entnehmen kann, vergeblich den Karlsfried einzunehmen. Zuvor wurde nämlich dort die Stammbesatzung durch eine kriegserfahrene Besatzung des Sigmund von Wartenberg (der in Tetschen residierte) ausgetauscht. Nach dieser Niederlage ließen jedenfalls die Hussitten erst einmal die Oberlausitz in Ruhe. 

Drei Jahre später sollte aber alles anders werden. Der erfahrene Heerführer Botzko von Podibrad marschierte mit über 8000 Fußsoldaten und mehr als 700 Berittenen wieder „über den Gebler“ in die Oberlausitz ein. Da die Zittauer Ratsherren annahmen, daß die hussitische Gefahr gebannt sei, hatten sie (nach dem die Wartenberger die Burg wieder verlassen hatten) nur eine kleine Besatzung von 12 Mann auf dem Karlsfried belassen. Vor der Burg, auf der Zittauer Seite, hatten sich Bürgerwehren verschanzt, welche in einem offenen Scharmützel die Hussiten aufhalten wollten. So begann am 25. Januar 1424 die Schlacht am Karlsfried. Wie man sich denken kann, waren die Zittauer dieser Streitmacht haushoch unterlegen. Ein Nachfolger Johann von Guben notierte dazu in der Zittauer Chronik:

Item Anno Domini CCCCXXiiij jahre an der bekerung fente Pauls, quam der Botzko mit viiC pferden vnd viijM drabanten of das gebirge den Gebeler, vnd daz quome her von hern Heyntczen von Donyn, der den seinen iren hering zu Petersdorf liß nehmen; dokegen wir aus iczlichem hawse einen man isgesamt hatten, das gebirge czu weren, nach dem vns land vnd stete vortrost hatten vns hulfe czu thun, die vns also nicht geschach. Doselbist treib er die vnsern abe, der vil dermort wurden vnd dorczu lvj gefangen, vnd mit glubden seyner trewe, vnd ere einen, genant Sleffer, der selbst elfe vf dem Karlsfride quome, abteydingt, die mitgefangen wurden, das wart vsgebrannt vnd den gefangen wurden ire funfczen ader sechczehen die nazen abgesnyten, die beide dawmen abgehauwen vnd die andern alle vorbrant; vnd also herschte derselbe Botzko drei tage vmb diese stat vnd brante die Harte gancz abe, dor jnne er sein leger hatte vnd tatt merklichen schaden mit brand vnd nome czu Albersdorff vnd czu Groth vnd sust wo er mochte.

Die geschundene Burg jedenfalls wurde kurz danach, d. h. noch im gleichen Jahr 1424, unter dem ausdrücklichen Befehl Kaiser Sigismunds von den Sechsstädten ausgebessert und verstärkt und unter einer neuen, erfahreneren Mannschaft unter Hauptmann Conrad von Quossau wieder in Bereitschaft versetzt. Kleinere Hussitenhaufen wagten dann nicht mehr, die Gabler Straße zu nutzen. Größere Kampfverbände, z. B. die von 1427 unter Andreas Prokop, zogen an der Burg vorbei, ohne dass sie jemals noch eingenommen werden konnte.

1434 war endlich der Hussitenspuk vorbei. Karlsfried erfüllte wieder ihre friedliche Funktion als Zoll- und Geleitburg, bis sie 1439 in den Besitz Johanns von Wartenberg auf Blankenstein gelangte. Einige Jahre zuvor, 1433, führte die Hinrichtung eines Mitgliedes der Wartenberger Familie in Zittau (Vierteilung) zur „Wartenberger Fehde“. Dadurch, dass die Familie Wartenberg Zugriff auf die "feste Burg auf dem Gebler" erhielt, bekam sie unerwartet eine vorzügliche Basis für Raubzüge in das Zittauer Umland. Der für Zittau lebenswichtige Handel nach Böhmen kam weitgehend zum Erliegen und der Schaden für Zittau im Besonderen und für die Sechsstädte im Allgemeinen war enorm. Die Fehde erreichte 1441 ihren Höhepunkt und die Sechsstädte verpflichteten Heinrich Berka von Duba (der auf der Burg Mühlstein residierte), das jetzt gefürchtete Raubnest Karlsfried einzunehmen. Dazu sollte es aber nicht mehr kommen, da es gelang, einen förmlichen Friedensschluß mit den Wartenbergern zu erreichen. Sie verließen das Raubnest und die Zittauer begannen im Sommer 1442 als Konsequenz daraus die Burg abzureißen, wie auf einer Rechnung zu lesen ist:

Dominica ante Margarete als die stete das newe Hauß lißen brechin den mauern vnd drabanten czu lone vnd czu zerunge 4 Sco. Gr.

Damit war nach noch nicht einmal 100 Jahre die Geschichte dieser Burg zu Ende. Sie wurde später immer mal wieder als Steinbruch genutzt, um z. B. billig Steine für die Lückendorfer Kirche (1690) zu bekommen. Die letzten wesentlichen Steinreste wurden schließlich 1721 abgetragen und für den Hausbau in Zittau verwendet. Seitdem kann man anhand der wenigen verbliebenen Mauerresten kaum noch erahnen, dass hier eine Burg stand, die Jan Ziska mit seinem einen, damals noch sehenden Auge, erblickte und vergeblich belagerte.

Ronburg (Ronov) bei Drum (Stvolinky)


Fährt man von Neugarten (Zahradky) Richtung Auscha (Ustek), dann wird der Blick von dem außergewöhnlich gleichmäßigen Kegel des Ronberges angezogen. Dass er die Mauern einer alten Ritterburg auf seinem Gipfel beherbergt, fällt eigentlich nur in den Wintermonaten auf, wenn keine belaubten Bäume den Blick auf die Ruine stören. Zu dieser Jahreszeit empfiehlt sich wegen Schnee- und Eisglätte auch kein Aufstieg, der sich selbst im Sommer als teilweise beschwerlich gestalten kann. Besuchen sollte man ihn aber auf jeden Fall und wenn nur wegen der ausgezeichneten Aussicht von seinem Gipfel.


Es gibt verschiedene Möglichkeiten, auf den Ronberg zu gelangen. So kann man z. B. die Straße von Hohlen (Holany) kommend über Litnitz nach Bleiswedel (Blizevedly) wählen, um z. B. mit seinem Auto möglichst nahe an den Berg zu gelangen. Ungefähr auf halbem Wege zwischen Litnitz und Bleiswedel führt ein Sandweg in Richtung Ostflanke des Berges, an dessen Rand sich mehrere Parkmöglichkeiten bieten. Von dort gelangt man auch auf den offiziellen Wanderweg, der ungefähr drei Viertel um den Berg führt, bevor man auf den mittlerweile gut befestigten Aufstieg gelangt. Wenn man normal läuft, sollte man vom Parkplatz bis zum Gipfel mindestens 45 Minuten einplanen. 

Der Berg

Der Ronberg hat eine Höhe von 552 m und ist der Rest eines ehemals mächtigen Vulkans, von dem nur der zu Basalt erstarrte Kern seit dem Tertiär bis heute überdauert hat. Sein Name leitet sich von dem mittelhochdeutschen rone ab, was einen Baumstamm bezeichnet. Zwei gekreuzte Baumstämme findet man auch auf dem Familienwappen des alten böhmischen Adelsgeschlechts der Hronowice wieder, von denen die Ronberger (Ronow) ein nicht unbedeutender Zweig waren.

Der untere Teil des Berges besteht überwiegend aus Nadelwald (Fichten), der schnell in einen urtümlichen Laubmischwald, der die steilen Bergflanken bedeckt, übergeht. Dieser Teil inklusive Gipfel ist zu recht als Flächennaturdenkmal ausgewiesen. So kann man im Juni hier überall die Türkenbundlinie blühend finden. Im Sommer ist der Gipfel ein Anziehungspunkt von vielen schönen Tagfaltern. Bei unseren letzten Besuch konnte ich hier ein halbes Dutzend Schwalbenschwänze, einen Segelfalter, Admirale und Mauerfüchse beobachten und fotografieren. Am Fuße des Berges flog mir zur großen Überraschung eine „Spanische Flagge“ über den Weg – ein am Tag fliegender farbenfroher Bärenspinner, der fast überall selten geworden ist.

Hat man nach einiger Anstrengung fast den Gipfel erreicht, wird der Weg immer flacher und es eröffnet sich eine schöne Fernsicht in Richtung Bleiswedel und Auscha mit dem 726 m hohen „Großen Geltsch“. Im Hintergrund sind selbst die wichtigsten Berge des westelbischen Teils des böhmischen Mittelgebirges auszumachen, soweit sie nicht von davor liegenden Bergen verdeckt werden. Gut, wenn man einen Feldstecher dabei hat…

Die Burg

Am Ende des flachen Teils führt fast rechtwinklig dazu ein letzter steiler Anstieg zur Burg, deren zertrümmerter Eingang bald sichtbar wird. Wenn man möchte, kann man auch erst einmal links auf einen Trampelpfad wechseln, der etwas beschwerlich an der noch heute gut erhaltenen mächtigen, z.T. noch über 10 m hohen und leicht geschwungenen Außenmauer entlangführt. 

Durch einen Mauerdurchbruch gelangt man nach ca. 50 m in die eigentliche Burg. Normalerweise wird man aber den direkten Weg durch die zerstörte Eingangspforte wählen, durch die man über herabgefallene Steine in den Burghof gelangt. Rechts haben vor nicht allzu langer Zeit tschechische Burgfreunde einen Regenschutz errichtet und auf der anderen Seite eine Sitz- und Rastgelegenheit geschaffen. 

Schaut man sich jetzt um, dann fällt auf, daß die Burgmauer (die an manchen Stellen bis zu 2 m dick ist) rings um den noch erhaltenen Gipfelfelsen erbaut ist. Auf dem ca. 6 m hohen Felsen genau vor uns soll einmal das Hauptgebäude (Palast) gestanden haben. Von ihm ist aber nichts mehr übrig geblieben, seitdem man vor über 160 Jahren die Fläche beräumt hat, um hier ein Gipfelkreuz zu errichten (welches aber auch nicht mehr existiert – dafür aber eine Sitzbank, von der man bequem eine atemberaubende Aussicht in Richtung Hohlen mit seinen Teichen, dem Kummergebirge, den Bösigen und den nahen Willhoscht genießen kann). 

Das auffälligste Gebäude ist ohne Zweifel der noch einigermaßen erhaltene Bergfried an der Nordostecke der Burg, der immerhin noch eine Höhe von mehr als 10 m erreicht. Über einen von – so sagt man – „Schatzgräbern“ gesprengten Mauerdurchbruch gelangt man in sein Inneres. 

Von hier aus hat man einen Blick auf die nordwärts streichende Burgmauer, in der noch viele Balkenlöcher ehemaliger Holzanbauten zu erkennen sind. Trotzdem bereitet es Schwierigkeiten sich vorzustellen, wie die Burg einst in ihrem unzerstörten Zustand ausgesehen haben mag. Trotz ihrer geringen Größe dürfte sie einigen Eindruck gemacht haben (früher war der Berg sicher abgeholzt und wegen seiner Steilheit für feindliche Heere nur schwer bezwingbar). 

Neben dem Bergfried kann man mit etwas Mühe noch die Reste eines weiteren quadratischen Turms sowie die Fundamente eines Ringturms ausmachen. Ein Brunnen, den man sonst auf fast jeder Burg findet, ist interessanterweise nicht aufzufinden. Im ganzen erscheint die Anlage recht verwinkelt. Auf jeden Fall muß es große Anstrengungen und Mühen gekostet haben, die Ringmauer und die Türme um den steil abfallenden Berggipfel zu errichten. Alles das macht neugierig, etwas mehr über die Entstehung der Ronburg, ihre Besitzer und ihre Geschichte in Erfahrung zu bringen. 

Geschichte der Burg

Wie so oft, hat sich die Kunde über ihre Erbauer, über die Menschen, die darin gelebt haben und über die Fehden und Kriege, in der sie involviert war, nicht erhalten. Sie sind vergessen und mit ihnen sicherlich viele spannende, frohe und tragische Begebenheiten, die höchstens in einigen wenigen überlieferten Volkssagen die Zeiten überdauert haben. Etwas besser sieht dagegen die Datenlage in Bezug auf die ehemaligen Besitzer und „Burgherren“ aus, die zu ihren Lebenszeiten durchaus angesehene und wichtige aber auch berüchtigte Personen waren, die in der böhmischen Geschichtsschreibung an vielen Stellen ihre Spuren hinterlassen haben. Bevor ich aber darauf eingehe, möchte ich etwas über die Lebenswirklichkeit der Menschen erzählen, die im hohen Mittelalter, also zu der Zeit, als die Ronburg erbaut und bewohnt wurde, alles andere als rosig war. Und das gilt nicht nur für die Bauern, die in den Waldhufendörfern der Umgebung ihre Felder bestellten und ihr Vieh hüteten, sondern auch für die Landesherren, die Ritter, selbst. Ihr Leben war, verglichen mit heute, regelrecht erbärmlich. Glanzvolle Feste und Turniere waren im Leben eines Ritters eine seltene Ausnahme und man mußte oft weit reiten, um an ihnen teilnehmen zu können. Für viele war der Kriegsdienst, für den sie mindestens für sechs Wochen im Jahr gegenüber dem Landesherrn verpflichtet waren, eher eine Last. Mußten sie doch für die teure Ausrüstung – Pferd, Knappen und Rüstung sowie Bewaffnung – selbst sorgen. Und das konnten sie nur, wenn sie genügend Einkünfte, d.h. Grundbesitz mit abgabepflichtigen Bauern, vorweisen konnten. Dabei war gegenüber heute die Steuerbelastung der arbeitenden Bevölkerung eher gering (~1/10 des Arbeitsertrages ;-)). Außerdem ist der Kriegsdienst bekanntlich ein lebensgefährliches Geschäft, bei dem ein Ritter nie sicher sein konnte, seine heimatliche Burg je wieder zu sehen. 

In Friedenszeiten hatten sich die Burgherren um ihre in der Regel vom König „geliehene“ Herrschaft zu kümmern, „seine“ Bauern zu schützen und bei Streitigkeiten zu schlichten. Dabei unterschied sich – bis auf das bessere Essen – Burgherren hatten als Adelige bekanntlich das Jagdprivileg – die Lebensqualität eines Ritters kaum von denen seiner Untertanen. Er lebte in zugigen Burgen, mußte im Winter frieren und hatte oft Fehden mit benachbarten Herrschaften, später häufig auch selbstbewußten Städten, auszufechten. Und wenn das Einkommen nicht ausreichte, mußte er nicht selten zum Raubritter mutieren, der die Gegend unsicher machte um sich und seine Mannen zu ernähren. Das Rittertum, wie es ein Walther von der Vogelweide oder Wolfram von Eschenbach oder Hartman von Aue in ihren Liedern besingen, ist wohl weithin eine Idealisierung, die der Wirklichkeit jener Zeit nur wenig nahe kam.

Die Ronburg war das Zentrum einer Herrschaft, die u. a. die Orte Graber (Kravare) – erstmalig erwähnt um 1175 -, Drum (Stvolinky) – erstmalig erwähnt 1197 – und Bleiswedel (Blizevedly) – erstmalig erwähnt 1290 mit eigener Burg – umfaßte. Wann sie genau erbaut wurde, ist nicht mehr festzustellen – wahrscheinlich aber im letzten Drittel des 14. Jahrhunderts von den „Berken von Duba“, die mit den „Ronows“ eine gemeinsame Wurzel haben. Der Name „von Ronow“ taucht jedenfalls kurz vor 1400 in der Regierungszeit von König Wenzel IV (1361-1419) zum ersten Mal in Form eines gewissen Predbor von Ronow auf. Ein Sohn von ihm, Anselm von Ronow, erhielt im Jahre 1394 vom König ein „Haus“ bei Sittaw (Zittau, die Burg Rohnau am östlichen Neißeufer bei Hirschfelde), was eine gewisse Wertschätzung dieser auf das Adelsgeschlecht der Hronowice zurückgehende Familie bei Hofe schließen lässt. Von ihm leiten sich mehrere Grundherren und Burggrafen ab, von denen einer der Bekanntesten Castolov (1211-1253), Burggraf auf der Zittauer Burg, war. Auf jeden Fall hatte die Familie entsprechend der Prager Landtafel im Gebiet um Leitmeritz Landbesitz, den sie aber zu Beginn des 15. Jahrhunderts nach und nach veräußerten. Welche Bedeutung dabei damals der mutmaßliche Stammsitz auf dem Ronberg hatte, läßt sich nicht mehr ermitteln. Die Patronatsrechte bei der Pfarrkirche von Drum hatten jedenfalls zwischen 1358 und 1396 die Ritter von Kluczow inne. Man liegt sicherlich nicht falsch, wenn man annimmt, dass es sich bei diesen Rittern (Hinko de Kluczow, Hinko de Drum und Wenzeslaus) um Lehensträger der Herren von Ronow gehandelt hat.

Das erste Drittel des 15. Jahrhunderts wurde durch die Hussiten und die Hussitenkriege (1419-1434) geprägt. Zumindest in den ersten Jahren war damals die Burg im Besitz der Familie Ronow, welche sie um 1410 an Heinrich und Jaroslav Berka auf Dauba, die sich auch „vom Mühlstein“ nannten (eine Burg bei Hoffnung im Lausitzer Gebirge), veräußerten. Die Ronows selbst wurden entschiedene Gegner der Hussiten, die sie so gut es ging bekämpften. Als Namen haben sich ein gewisser Racek von Stwolanec sowie Wilhelm, Materna und Kristosor von Ronow überliefert. In den Wirren der Hussitenkriege kam es öfters zu Land- und Burgveräußerungen. So weiß man, daß um 1429 die benachbarte Helfenburg (bei Neuland bei Auscha) an den utraquistischen Ritter Smiric von Raudnic von den Berkas verpfändet wurde. Nicht viel später, wahrscheinlich 1434, gelangte die Ronburg und die dazugehörige Herrschaft in den Besitz Wilhelm (I) von Ileburgs („Eulenbergs“), einem Vertreter eines alten sächsischen Adelsgeschlechts, welcher sich in der Leitmeritzer Gegend angesiedelt hatte. Er nannte sich seitdem auf Urkunden Wilhelm von Eulenberg und von Ronow. Im gleichen Jahr scheint er dann auch noch die Kelchburg (auf der bis 1424 Jan Zizka von Trocnov saß) bei Triebsch in seinen Besitz gebracht zu haben. Auf jeden Fall stieg er auf diese Weise zu einem mächtigen lokalen Herrscher auf, der nun mit seinen älteren Nachbarn, den Wartenbergern, auf Augenhöhe stand. 

Bekannt ist, das Wilhelm (I) von Ileburg (1415-1489) auch ganz maßgeblich an der sogenannten „Wartenberger Fehde“ gegen die Sechsstadt Zittau beteiligt war (näheres siehe den Beitrag über die Rollburg). Dabei unternahm er auch eigenmächtig Raubzüge gen Zittau, so wie im Juli 1436, als er mit seinen Raubgesellen vor dem Böhmischen Tor Vieh rauben wollte, was mit einer List zuerst auch gelang. Er wurde aber hinter Gabel von den Zittauern eingeholt und in ein Scharmützel verwickelt, bei dem er – wie die Chronik berichtet – mehrfach verwundet wurde. Zu guter Letzt mußten sie ihren Raub, zehn Pferde und zwanzig Kühe, zurücklassen um ihre Haut zu retten. Solche Raubzüge behinderten aber damals kaum die Karriere eines Landadeligen. Wilhelm (I) von Ihleburg wurde später sogar königlicher Unterkämmerer in Prag. Als er am 11. September 1489 im damals sehr hohen Alter von 74 Jahren starb, wurde er in der Kirche zu Charwatz (Charwatice) bei Mscheno (Mšené-lázně) begraben. Sein 2.5 m hoher Grabstein, der aus einem Stein gearbeitet ist, zeigt einen Ritter in voller Rüstung, der in seiner rechten Hand eine Rolle mit der Inschrift „Miserere mei Deus sekunda ma“ (Gott habe Erbarmen mit mir …) hält. Im oberen Teil des Steins ist rechts das Hasenburgische und links das Eulenburgische Wappen zu erkennen. Es ist eines der künstlerisch aufwendigsten Grabmale aus jener Zeit in Böhmen.

Sein umfangreicher Grundbesitz ging auf seinen gleichnamigen Sohn Wilhelm (II) über, der sich seine Güter im Jahre 1500 von König Wladislaw II von Böhmen und Ungarn (1456-1516) bestätigen ließ. Als er sich mit Agnes von Helfenstein (1484-1550) aus einem alten schwäbischen Adelsgeschlecht vermählte, ließ er auch das Städtchen Drum und die Ronburg in die Landtafel als Mitgift eintragen. Nach dem Tod Wilhelm (II) von Ihleburg ging der Grundbesitz 1538 zunächst an dessen Witwe Agnes und später an die einzige Tochter Anna, verehelichte Kurzbach, und nach deren Tod 1554 an ihren Söhne Wilhelm und Heinrich (II) Kurzbach von Trachenberg und Miltsch über. Auf diese Weise gelangte die Ronburg an die Familie Kurzbach. Der Vater Heinrich Kurzbachs (Annas von Ihleburgs Gemahl), Sigismund Kurzbach, Freiherr von Trachenberg, war um das Jahr 1494 königlicher Kämmerer in Schlesien und ab 1498 Verweser der Hauptmannschaft Breslau und eine angesehene Persönlichkeit am Hofe Wladeslaws II. 

Heinrich von Kurzbach ist im Jahre 1589 verstorben und vermachte zuvor testamentarisch seiner zweiten Frau Eva von Wartenberg die Burgen Ronow und Helfenburg sowie das Schloss Drum. Nach deren Tod ging der Besitz an seine Enkelin Eva Malcan von Lobkowitz über. Am 4. April 1591 ließ sie ihren Besitz auf ihren hoffnungslos verschuldeten Ehegatten Joachim Malcan von Pencelin überschreiben, der Teile davon zur Tilgung seiner Schulden weiter veräußerte. So kam die Ronburg letztendlich an Johann von Wartenberg, der sie aber sogleich nach Urkunde vom 29. April 1608 an einen gewissen Adam Herzan von Harras verkaufte. Zu dieser Zeit war die Burg bereits nicht mehr bewohnt und wurde als „öde“ beschrieben. Was noch Wert hatte, waren lediglich die Herrschaften in Form von Dörfern und Meierhöfen um den Burgflecken herum. 1632 krallte sich Albrecht von Waldstein (Wallenstein) den Besitz und gliederte es in seine umfangreichen böhmischen Ländereien ein. 

Während des Dreißigjährigen Kriegs diente die Burg der Bevölkerung der Umgebung als scheinbar sicherer Zufluchtsort für sich und ihre Habe. Sie wurde aber von den durchziehenden Schweden entdeckt, im Jahre 1643 von ihnen bestiegen, die Eingangsmauern mit Pulver gesprengt, das Inventar geraubt und die Holzbauten abgebrannt. 

Die Burg wurde seitdem nicht wieder instandgesetzt und zerfiel so zusehends weiter. Im Jahre 1811 fielen die Reste des südwestlich gelegenen Teils des Wohngebäudes endgültig zusammen. Dazu kam, daß auch einige „Schatzsucher“ bei ihren Grabungen Zerstörungen anrichteten. Bei vielen Burgruinen kann man beobachten, daß die Steine der Mauern und Gebäude oft von der Landbevölkerung abgetragen wurden, um an billiges Baumaterial zu kommen. Davon ist die Ronburg offensichtlich verschont geblieben, einfach, weil es wahrscheinlich viel zu beschwerlich gewesen wäre, die Steine wieder die steilen Wege herunter zu schleppen…

1845 gehörte der Berg mit der Burgruine dem Leitmeritzer Bischof Augustinus Hill. Er ließ die Reste des Palastes auf dem zentralen Felssockel abtragen, um an dessen Stelle ein Gipfelkreuz zu errichten. Heute befindet sich an dessen Stelle eine Sitzbank, von der aus bei gutem Wetter eine herrliche Fernsicht zu genießen ist (Panorama anklicken). 

Die Geschichte der Ronburg ist scheinbar sehr arm an historischen Ereignissen. Das liegt daran, daß fast nur „amtliche“ Besitzwechselurkunden oder Akten von Gerichtsprozessen die Zeiten überdauert haben. Das ist sehr schade, denn sie hat in den 300 Jahren ihres Bestehens sicherlich viele Höhen und Tiefen erlebt, über die man gerne mehr erfahren möchte - wenn man oben auf ihren Mauern steht und den Blick gedankenversunken in die Weite schweifen lässt…

"Castrum Schonbuch" bei Schönlinde (Krásná Lípa)


Fährt man von Schönlinde (Krásná Lípa) in Richtung Alt-Ehrenberg (Staré Křečany), dann findet sich in dem Ortsteil Schönbüchel (Krásný Buk)  - gleich hinter dem Abzweig nach Khaa (Kyjov) – ein Parkplatz, von dem man aus einen Spaziergang zu den Resten der alten Burg Schönbuch und dann vielleicht gleich weiter nach Schnauhübel (Sněžná) unternehmen kann. Man achte auf das restaurierte Kruzifix, welches nicht zu übersehen ist. Von dort aus folge man links den Weg an malerisch gelegenen Umgebindehäuser vorbei, wobei man sich nach einigen Metern entscheiden muss, ob man lieber „unten“ oder den Weg weiter folgend bergauf gehen möchte. „Unten“ heißt zuerst links an einer schon etwas mitgenommenen Villa vorbei – einem roten Ziegelbau, der eher dem Stil eines kaiserlich - königlichen Postamtes nachempfunden zu sein scheint. Der Weg führt schließlich zu einer Pension und Restauration, von wo aus der „Schlossberg“ entsprechend der Wanderwegsmarkierung zu besteigen ist. Eine Tafel mit der Aufschrift „Hrad“ zeigt uns, das wir auf dem richtigen Weg sind. Nach einem steilen Aufstieg gelangt man recht schnell auf die Landzunge, auf der einst „das feste Haus“ Schönbuch gestanden hat. Wie es einmal ausgesehen hat, lässt sich auch vor Ort nur noch schwer gedanklich rekonstruieren. Dazu sind die Reste einfach zu gering. 


Auf jedem Fall ist noch der zentrale Burgberg zu erkennen, auf dessen Gipfel aber nur noch die spärlichen, nun mit einem Gitter abgedeckten Reste eines wahrscheinlich runden Bergfrieds oder Wartturms zu bemerken sind. Früher hielt man diese Einsenkung zuerst für ein Burgverlies, später für einen Brunnen. Heute weiß man, dass es der Unterbau eines steinernen Turms ist.

Am auffälligsten an dieser Lokalität ist jedoch der ihn umgebende, auch heute noch eindrucksvolle Wallgraben, der einst eine mächtige Ringmauer trug. Sie ist am besten in den Wintermonaten zu überblicken, wenn die großen Buchen, die überall auf dem Burgareal stehen, ihre Blätter verloren haben. Ein paar wenige Informationen über diese Burg lassen sich auch der vor wenigen Jahren dort aufgestellten Tafel des Kögler-Lehrpfades entnehmen.

Geschichte der Burg

Die Kunde über diese Burg ist sehr spärlich. Man kann nur vermuten, dass sie gegen Ende des 13. Jahrhunderts gegründet wurde, wahrscheinlich von einem Mitglied des alten böhmischen Geschlechts der Markwartinger. Zum ersten Mal erwähnt wurde sie in einer Urkunde von 1310 als „castrum schonbuch“, die als Besitzer den damals sehr mächtigen Landadeligen Heinrich von Leipa ausweist. Er hatte – so ist überliefert – eine Liebesbeziehung zur Königin-Witwe Elisabeth Richza von Polen (1286 ? – 1335), die damals zuerst in Prag und später in Brünn in Mähren residierte. Heinrich von Leipa besaß in Nordböhmen eine ganze Anzahl von Burgen, darunter Rohnau am Eingang des Neißetals, den Oybin (den Berg, den seine Mannen nach dem Zittauer Stadtschreiber Johannes von Guben damals bei einer Bärenjagd entdeckt hatten) und das „Feste Haus Schönbuch“. Da es ihn nach Mähren zog, verkaufte er seine nordböhmischen Güter und explizit die Burg Schönbuch an König Johann von Luxemburg. Dieser wiederum veräußerte sie an die Familie Straz, die sich später Wartenberg nannte. Ein gewisser Johann von Wartenberg soll der erste Besitzer von Schönbuch gewesen sein. Mehr ist über ihn nicht bekannt. Nach der Eroberung des gleichfalls im Besitz der Wartenberger befindlichen Burg Tollenstein im Jahre 1337 durch Truppen, die der damalige Landvogt der Oberlausitz, Heinrich von Jauer, zusammen mit den Städten, die unter den Raubzügen der Tollensteiner Raubritter litten, aufgestellt hatte, übernahm Bohuslav von Wartenberg sowie ein Hauptmann von Tannenwald die kleine Burg Schönbuch, um von hier aus als "Landplacker" weiter die umliegenden Städte und Dörfer heimzusuchen. Zwei Jahre sah Herzog Heinrich von Jauer noch dem Treiben der Raubritter zu. Aber 1339 war das Maß dann endgültig voll. Am 15. Oktober 1339 erschien er mit einer Streitmacht aus Zittauer Bürgern und Söldnern vor der Burg, eroberte sie und ließ sie endgültig zerstören. Seitdem liegt sie in Trümmern.

Die behauenen Steine der Burg findet man heute nur noch verbaut in den Häusern von Schönbüchel und Schnauhübel. Und das wars auch schon. Mehr ist über diesen geschichtsträchtigen Ort leider nicht zu berichten. Ein paar unsystematische Ausgrabungen Mitte des 19. Jahrhunderts haben lediglich einige Tonscherben, Hufeisen und Waffenreste wie Pfeilspitzen ergeben. Bemerkenswert ist lediglich ein einzelner Münzfund aus der näheren Umgebung der Burg: eine in zwei Teile zerbrochene Münze aus der Zeit des römischen Kaisers Hadrian (117 – 138).

Hoch über der Elbe - die Burg Sperlingsstein


Ein paar Kilometer südlich von Tetschen an der Elbe (Děčín) erhebt sich bei dem kleinen Dorf Tichlowitz (Těchlovice nad Labem) der mächtige herausgewitterte Vulkanschlot des Sperlingsteins (Vrabník) rechtselbisch aus dem Tal des Reichenbachs. Er stellt eine wahre Landmarke dar, dessen in verschiedene Richtungen ausstreichenden Basaltsäulen, die den aus vier Spitzen bestehenden Felsen bilden, auch einen weniger geologisch interessierten Mitmenschen wahrhaft begeistern können – besonders dann, wenn man einen Feldstecher dabei hat… Einen besonders eindrucksvollen Blick auf die dunkle Felsengruppe hat man vom Ortsausgang von Babutin aus, von wo aus manche Menschen in dem Felsen die Figur eines mächtigen Bären zu erkennen glauben. Und man glaubt es kaum. Dieser Felsen verbirgt auf seinem Gipfel die Reste einer alten Burganlage, von der vom Tale aus aber so gut wie nichts mehr zu erkennen ist. Um sie zu erkunden, muß man sich schon auf den kurzen, aber beschwerlichen Weg hinauf zum Gipfel machen. Der Aufstieg beginnt am Dorfende, wo eine Infotafel auf die Felsenburg aufmerksam macht. Und dann geht es erst einmal steil bergan. Dabei wird man – besonders wenn es Sommer und heiß ist – die beiden Sitzbänke nutzen, die am Wegrand auf dem Weg zum Bergsattel von tschechischen Naturfreunden in jüngster Zeit aufgestellt wurden. Irgendwann erreicht man die ehemaligen „Sperlingshäuser“, von denen aber nur noch einige Grundmauern stehen geblieben sind. 


Zuvor sollte man aber noch den wunderschönen Blick über die Elbe zu den Ausläufern des linkselbischen Elbsandsteingebirges mit dem hohen Schneeberg (Děčínský Sněžník), dem Hopfenberg sowie, ganz rechts, Teile von Tetschen genießen. 

Auf diesem Bergsattel, den man auch bei einer weniger anstrengenden Wanderung vom Zinkenstein (Buková hora) (mit dem „Aussiger Fernsehturm“) aus erreichen kann, lohnt es sich noch mal eine kleine Rast einzulegen. Hier befinden sich unter einem Regenschutz ein paar Bänke und ein Tisch und an der Wand hängt noch eine Anzahl von Informationstafeln, die sowohl über die Burg Sperlingstein als auch über Besonderheiten der belebten Natur der Umgebung aufklären. Und wer möchte, kann sich noch im „Gipfelbuch“ verewigen oder zumindest einmal nachschauen, wer denn vor kurzem noch alles hier vorbeigekommen ist. Wir fanden es außerdem noch äußerst hilfreich (heuer am Pfingstsonntag 2014 waren es immerhin ~30° Lufttemperatur), dass wir hier ein Behältnis mit frischem Trinkwasser vorgefunden haben, welches genau zu dem von uns genutzten Zweck von Samaritern der Neuzeit hier abgestellt worden ist…

Die Burgreste

Und nun ist es nicht mehr weit hinauf bis zu den Gipfelfelsen, die schon durch den Wald hindurch lugen. Über einen schmalen Weg gelangt man auch zügig hinauf und findet sich schnell zwischen den ersten drei der vier Gipfelklippen wieder. Und erst hier sind einige der wenigen noch vorhandenen Mauerreste der alten Feste auszumachen. Dazu gehört eine ca. 8 m hohe grobgemauerte Wand sowie einige kleinere Reste Mauerwerk, die vollständig von Pflanzen überwuchert sind. Selbst eine gehörige Portion Phantasie reicht da nicht aus um sich vorzustellen, wie einst diese von vornherein nicht sonderlich große Burg einmal ausgesehen haben mag. 

Aber da „Burgenforscher“ seit nunmehr 200 Jahren Sperlingstein näher untersucht haben, konnte zumindest ein grober Grundriß der Anlage erarbeitet werden. Das Zentrum bildet ein kleiner Innenhof, wo man noch im vorletzten Jahrhundert abgesackte Kellerräume wahrnehmen konnte. Er war ehemals über drei Seiten eingemauert und ist mittlerweile zugewachsen. Aber der vom Hauptweg links abgehende Trampelpfad führt zu einem mit Ketten gesicherten Klettersteig, über den man mit etwas Mut auf den mittigen Gipfelfelsen gelangen kann. Weiterhin konnten Hinweise auf die Existenz von zumindest zwei Zugbrücken gefunden werden und zwar in Form von Vertiefungen, in welche die Gewichtssteine bei deren Anheben hinein geglitten sind. Die Erste schloß mit einer Rampe am Haupteingang ab und die zweite (wenn die Rekonstruktion richtig ist) verband Teile der inneren Burg. Auf einem der Hauptfelsen im hinteren, geschützten Teil der Felsgruppe, fand man Reste eines rechteckigen Gebäudes, von dem vermutet wird, daß es sich dabei um den Wohnturm der Burg gehandelt hat. Als Baustoff für die massiven Burgbauten wurde überwiegend der anstehende Basalt verwendet. Aber auch Backsteinreste sowie Reste verbrannten Lehms konnten an den Stellen nachgewiesen werden, wo sich wahrscheinlich einmal kleinere Wirtschaftsgebäude befunden hatten. Ansonsten wurde, wie bei mittelalterlichen Burgen üblich, Holz als zweitwichtigstes Baumaterial verwendet. Reste davon sind davon freilich nicht erhalten geblieben. Nur in den noch bestehenden Steinmauern kann man noch hier und da Ablagepfalze für nicht mehr rekonstruierbare Holzkonstruktionen ausmachen. 

Geschichte der Burg

Über die Geschichte der Burg hat sich nicht sonderlich viel bis in die heutige Zeit erhalten. Es ist sicherlich wahr, daß sie als Repräsentationswohnsitz eines Mitglieds des niederen Adels gedacht war. Alte Quellen berichten von einem gewissen Johann von Tichlowitz, der um das Jahr 1374 von den Herren von Wartenberg (die wir vom Roll bei Niemes her kennen) einige Dörfer der Umgebung käuflich erworben haben soll. Die Existenz eines Dorfes (Pfarre) mit Namen Tyechleuicz ist jedenfalls für das Jahr 1360 urkundlich bezeugt. Dieser Johann von Tichlowitz soll dann auch die Errichtung der Burg Sperlingstein veranlaßt haben, die, wiederum urkundlich bestätigt, ab 1404 dessen Sitz wurde. Sie hatte alles, was sich ein damaliger „Vladike“, der in den Ritterstand aufgestiegen war, nur wünschen konnte: Uneinnehmbarkeit und Machtzentrum über mehrere Ortschaften der Umgebung. Nur bequem und luxuriös war es dort sicher nicht. Ganz im Gegenteil. Die Lebensbedingungen des kleinen Landadels waren oftmals nicht viel besser als die der untergebenen Bauern. Durch den Burgbau muss er sich jedenfalls stark verschuldet haben was ihm zwang, sowohl Burg als auch einige Dörfer an Siegmund von Wartenberg zu veräußern, der damals in Tetschen residierte. Das muss so um das Jahr 1413 gewesen sein. Also mit einem geruhelichen Alterswohnsitz war damit wohl nichts mehr… Fünf Jahre später ging Burg und Herrschaft an Heinrich Left von Lazan, der als königlicher Kämmerer und als Landeshauptmann des damals böhmischen Erzbistums Breslau in die Geschichte eingegangen ist. 1420 nahm er aktiv an der Schlacht bei Vysehrad (Prag) unter Kaiser Sigismund gegen die Hussiten teil (16.8. bis 1.11.1420), bei dem er den Tod fand. Ob er zuvor jemals seine „neue Burg“ Sperlingstein besucht hat, ist eher unwahrscheinlich. Und so wechselte in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts die Burg noch mehrfach ihre Besitzer (u. a. Nikolaus I. Lobkowitz von Hassenstein, genannt der „Arme“, obwohl er als oberster Landschreiber von Böhmen stinkreich war; dann, ab 1425, wurde Anna von Sternberg Burgbesitzerin. 1444 zogen schließlich die Sechsstädte mit ca. 9000 Mann unter Kaspar von Nostitz vor die Burg und zündeten sie an, nach dem sie zuvor bereits die Burgen Birkstein (=Einsiedlerstein) sowie die Ronburg erobert hatten (nur der Dewin bei Hammer (Hamr) hielt ihren Angriffen stand). Die Burgbesatzung hatte vorsorglich schon vorher das Weite gesucht. Seitdem nahm das Interesse an dieser Immobilie ziemlich schnell ab. Die Bauern der Umgebung bedienten sich der schon schön vorgeformten Mauersteine und ab dem 16. Jahrhundert war sie dann endgültig öde und verlassen. Nur ein paar Sagen haben sich überliefert, da sie von Generation zu Generation weitererzählt wurden. Eine handelt sogar vor der Zeit des Burgbaus. Danach soll hier an der Elbe ein grausamer, heidnischer Ritter gelebt haben, der alle Christen zutiefst hasste. Er hauste in der Burg „Rattenstein“, deren wenige Reste man noch heute südöstlich von Tichlowitz auffinden kann. Es heißt in der Sage, dass dieser Ritter von seinen christlichen Nachbarn besiegt und in seine Burg eingeschlossen wurde. Aber der stolze Heide wollte sich nicht ergeben. Als die Sonne unterging, brachte er noch einmal seinen Göttern ein Opfer dar, bestieg dann sein rabenschwarzes Ross, verband ihm die Augen, und stürzte sich mit ihm an einer Stelle, den man heute noch als „Heidenstein“ kennt, in die Tiefe. Später wurde dann der Ort dieser Sage auf den Sperlingsstein verlegt.

Den heutigen Reiz der Burgstelle macht die schöne Sicht auf das Elbtal in Richtung Aussig aus, welches man von einer freien Stelle zwischen zwei hohen Felstürmen genießen kann. Links zeigt sich die Spitze des Fernsehturms auf dem Zinkenstein und rechts unten, tief im Tal, die Dörfer Babutin und Tichlowitz sowie, direkt dahinter, der leicht geschwungene Elbebogen, wie er im Elbtal in Richtung Aussig abbiegt.

Burg Tollenstein (Tolštejn) bei Sankt Georgenthal (Jiřetín pod Jedlovou)


Im Grenzgebirge zwischen der südlichen Oberlausitz und Böhmen gibt es eine ganze Anzahl von Burgen, die ihre größte Blütezeit im 14. und 15. Jahrhundert erlebt haben. Von ihnen sind über die Jahrhunderte hinweg meist nur noch spärliche Reste übrig geblieben (Karlsfried, Falkenstein, Schönbüchel, Roimund), aber von einigen haben sich doch noch größere Mauerreste erhalten (z. B. Oybin, Tollenstein, Dewin, Roll) die neugierig machen, mehr über sie zu erfahren. Neben dem Oybin (den neben einer Burg die beachtlichen Reste einer gotischen Klosteranlage ziert) ist der Tollenstein unweit von St. Georgenthal (Jiretin …) ein gern aufgesuchtes Ziel für Wanderer und Mountain-Biker (wie mich). Über diese ehemals sehr bedeutende Burganlage, die sich hoch über die alte Passstraße nach Prag erhebt (Schöber), möchte ich heute in diesem Blog etwas erzählen. 


Erst einmal darf man bei ihrem Besuch nicht allzuviel erwarten, denn es sind genaugenommen nur noch einige wenige, in ihrer Summe recht unbedeutende Mauerreste erhalten geblieben. Trotzdem lassen sie ein wenig erahnen, daß der Tollenstein in seiner Blütezeit einmal eine bedeutende und wehrhafte Anlage gewesen sein muß. Der Grundriß der Burg ist vom höchsten Punkt des Basaltfelsens, um den herum sie einst erbaut worden ist, noch recht gut zu erkennen. Da dieser „höchste Punkt“ (der über Treppen erreichbar ist) eine wunderbare Aussicht auf die Umgebung liefert, hat man ihn seit ein paar Jahren nur noch zahlendem Publikum zugänglich gemacht. Die „Aufstiegskarte“ kann man für ein paar Kronen in der Bergbaude im Zentrum der Burganlage erwerben. Für die Burgreste selbst wagt man es offensichtlich nicht, Eintritt zu verlangen, da dadurch u. U. der Umsatz an böhmischen Knödeln und böhmischen Bier leiden könnte… 


An diesen Ausführungen erkennt man schon ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal des Tollensteins: Die Burg zierte nicht den Gipfel des steilen Phonolithfelsens (ein herausgewitterter Vulkanschlot aus der Zeit des Tertiärs), sondern wurde wie ein Kranz um diesen Gipfel herum errichtet. Man kann sich vorstellen, daß der Gipfelfelsen vielleicht einmal einen kleinen hölzernen Wachturm beherbergt hat – beweisen läßt sich das jedoch nicht mehr. 

Am Fuße der Burganlage befindet sich auf der Seite in Richtung des Tannenberges das kleine Dorf Nieder- und Ober-Tollendorf (Rozhled) und tief unten, an der Schöber-Paßstraße, Innozenzidorf (Lesne). Im Volksmund wurde es auch kurz „Buschdörfel“ genannt, weil sich dort am Goldflössel früher die „Buschmühle“ befand. 

Der Tollenstein (670 m) hängt in westlicher Richtung mit dem nahen Tannenberg (Jedlova, früher auch Dammberg genannnt, 774 m) zusammen, so daß er als Ausläufer desselben erscheint. Gegen Süden und Osten fällt der Abhang steil in Richtung der alten Prager Straße herab, zu deren Schutz und Überwachung die Burg einst errichtet wurde. In südlicher Richtung gelangt man zu dem malerisch gelegenen, einsamen Waldbahnhof Tannenberg, der im Sommer sogar bewirtschaftet wird. Zu erwähnen ist auch noch der unweit gelegene sogenannte Meisengrund zwischen Tollenstein und den Hirsch-Steinen, wo ehemals Bergbauversuche unternommen worden sind (der berühmte Historiker und Jesuit Bohuslav Balbin berichtet in seinen 1679 erschienen „Miscellen“ zur Böhmischen Geschichte, daß hier „Goldkörner“ gefunden worden seien).

Die Burgruine

Doch begeben wir uns erst einmal in die Burg. Das Tor (genaugenommen waren es ein äußeres und ein inneres Tor, die durch ein Gewölbe miteinander verbunden waren, über welchen sich wiederum ein Gebäude mit mehreren Stockwerken erhoben hat) ist nicht mehr vorhanden. Man erkennt aber, wenn man auf der linken Seite in die Höhe schaut, die mächtigen Mauern des ehemaligen Zwingers, zu dem auch ein mächtiger viereckiger Turm gehörte. Von ihm ist aber nur noch die innere Wand mit dem seiner Sandsteinfassung beraubten Eingang erhalten geblieben. Die Reste der äußeren Wand zeigen noch die Lage der Schießscharten an, wo zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges die Kanonen aufgestellt waren. Auch vom ehemaligen Brunnen, der sich hier befand, ist nicht mehr viel zu sehen. Die starke Ringmauer, der wir jetzt folgen, war einmal mit Brustwehren versehen. Löcher, in denen deren Balken ruhten, sind z. T. noch auszumachen. 

An diese Mauern reihen sich die übrigen Ruinen, die sich am besten vom Gipfelaussichtspunkt überblicken lassen. Während die Außenmauern teilweise noch recht gut beschaffen sind, hat sich von den inneren Gebäuden so gut wie nichts erhalten, da man sie in Verkennung einer zukünftigen touristischen Bedeutung als billiges und leicht beschaffbares Baumaterial für die Häuser der Umgebung abgetragen hat. So findet man z. B. beim Abstieg ins Innozenzidörfel zwei in Sandstein gehauene Löwen (?)-Köpfe, die neben die Türe eines Kellerraums eingemauert sind. 

Also gehen wir entlang der Außenmauer weiter in die Burg hinein. Als nächstes gelangen wir zu einer hohen sechseckigen Bastion, in dessen oberen Geschoss sich der Rittersaal befunden haben soll. Dieser Rittersaal hatte nach außen drei Fensterbögen, in deren mittleren Bereich noch die aus Sandstein herausgearbeiteten Fensterstöcke zu erkennen sind. Darüber befindet sich – so gut wie nicht mehr zu erkennen – ein Wappen. Es zeigt drei sechsblättrige Rosen, was es als Familienwappen der Herren von Schleinitz identifizieren lässt. Es wird berichtet, daß man noch vor 200 Jahren auf den mit Kalk verputzten Wänden des Rittersaals Reste von Freskomalereien erkennen konnte, von denen heute freilich nichts mehr vorhanden ist. 

Ein kleines Stück weiter gelangt man zu einer weiteren Bastion, dessen oberes Stockwerk die von Mathias Berka auf Dauba (um 1116) gegründete Burgkapelle beherbergt haben soll und von der lediglich noch ein hohes Bogenfenster erhalten geblieben ist. Auch gab es hier ehemals eine kleine Pforte, über die man auf steilem Wege die Burg in Richtung St. Georgenthal verlassen konnte. 

Es folgt nun der auch heute noch stattliche, nach Norden gerichtete Hauptturm der Burg, dessen Umfassungsmauern noch weitgehend erhalten geblieben sind. Er muß einmal mindestens drei Stockwerke enthalten haben, wie man von Innen noch recht gut erkennen kann. Die Mauer, die sich dem Turm in westlicher Richtung anschließt, geht langsam in den natürlichen Felsen über, der an ihrer Stelle den Schutz der Burganlage übernommen hat. 

Auch wenn man es sich gar nicht mehr so richtig vorstellen kann, die Burg Tollenstein war im 14. Jahrhundert eine der größten und wehrhaftesten Grenzburgen Böhmens. Schon deshalb lohnt es sich, etwas über die bewegte Geschichte dieser heute in Trümmern liegenden Veste zu berichten. Leider ist es so, dass sich die überlieferte „Geschichte“ gewöhnlich nur auf eine Zusammenreihung von Herrschernamen und Jahreszahlen reduziert, aber nur wenig über die Lebensverhältnisse der Menschen jener Zeit, auch der Menschen, die die Burg Tollenstein erbaut, bewohnt und verteidigt haben, preisgibt. Schriftlich dokumentiert wurden im Mittelalter meist nur außergewöhnliche Ereignisse, wie es z.B. in unserem Fall die Wartenberger Fehde oder die Hussitenkriege waren. Dazu kommt noch, daß viele Aufzeichnungen die Wirren der Jahrhunderte nicht überstanden haben und verloren gegangen sind. So ist es nicht verwunderlich, daß auch vieles über die Burg Tollenstein im Dunkeln liegt und dort auch trotz intensiver Forschung bleiben wird. Das beginnt schon mit dem Namen. Allgemein wird angenommen, dass sich der Name aus dem Namen „Dohlenstein“ entwickelt hat – nach dem Namen des Rabenvogels, der bekanntlich gerne Felsen und Türme bewohnt. Aber das ist nur eine, wenn auch nicht unwahrscheinliche Erklärung, denkt man an andere Burgen, die ebenfalls Vogelnamen in ihren Namen tragen: die Falkenburg bei Lückendorf, der Sperlingsstein südlich von Tetschen an der Elbe usw.

Geschichte der Burg

Eine andere Deutung des Namens geht sehr weit in die Geschichte zurück, in die Zeit Karls des Großen. Wie wir aus der ostfränkischen Völkertafel wissen (Geographus Bavarus), waren zu jener Zeit die slawischen Daleminzier die östlichen Nachbarn der Sorbenslawen und es gibt Hinweise dafür, daß sie von der Elbe kommend bis in das Lausitzer Grenzgebirge gesiedelt haben könnten (um 900). In ihrer Sprache gibt es das Wort „Talam“ für „Gegend“ (es gibt auch ein böhmisches Geschlecht der „Talmbergs“), aus dem sich über „Dalenstein“ und „Tolenstein“ letztendlich der Name „Tollenstein“ entwickelt haben soll. Aber wie gesagt, welche Deutung zutreffend ist, wird sich nicht mehr klären lassen. 

Im 10. Jahrhundert gehörte das nördliche Böhmen zusammen mit den nördlich davon gelegenen Sorbengebieten zu dem sagenhaften Gau Zagost. In jener Zeit standen in Böhmen zwei mächtige Herrschergeschlechter im Kampf gegeneinander, die Premysliden und die Wrschowetze. Letztere verleibten sich Teile des Gau’s Zagost in ihr Herrschaftsgebiet ein und begannen die damals noch mit dichtem Urwald bewachsenen bergigen Gegenden mit aus anderen Landesteilen stammenden Menschen zu besiedeln. Zum Schutze dieser Ansiedler wurden einzelne Befestigungen eingerichtet, von denen der Sage nach sich einer auf dem Tollenstein befunden haben soll. Wenn ja, dann war es sicher nur eine kleine, völlig aus Holz gebaute Anlage. Aber auf diese Weise war erst einmal eine Landmarke gesetzt, die in der Folgezeit schnell an Bedeutung gewinnen sollte.

Als sich die Wrschowetze mit den böhmischen Herzog Jaromir von Böhmen anlegten und dabei den kürzeren zogen, wurden sie von ihm gezwungen, den großen Landstrich zwischen Elbe, Jungbunzlau und dem Lausitzer Grenzgebirge dem Wladiken Berkowecz aus dem Stamme der Hronowicen zu übergeben, was im Jahre 1004 geschah. Berkowecz hatte sich sowohl bei dem deutschen Kaiser Heinrich II (973-1024) als auch bei Herzog Jaromir (gestorben 1035) große Verdienste erworben, weshalb er von Heinrich II in den Freiherrenstand erhoben wurde. Deshalb änderte er seinen Namen in Berka (d.h. „Birken“) und seine Nachfahren ab 1140 nach ihren Stammsitz Dub in „Berka auf Duba“) und begründete damit ein lokales Herrschergeschlecht, welches die Geschichte zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert von Nordböhmen und der Oberlausitz ganz wesentlich beeinflussen sollte. Sein Wappen zeigt zwei gekreuzte Eichenäste, die sich auch auf Burg Tollenstein wiedergefunden haben. Wie es dazu kam, erzählt eine alte Sage. Danach geriet ein Jägermeister eines Nachkommen des Herzogs Jaromir im Jahre 1085 in die Hände der Mannen der Wrschowetze, die ihn nackt an eine Eiche banden, um ihn mit Pfeilen zu erschießen. Als letzten Wunsch bat er sich aus, noch einmal auf seinem Horn blasen zu dürfen, was ihm auch gewährt wurde. Das Horn wurde von seiner Jagdgesellschaft erhört, die ihm sofort zu Hilfe eilte und auch noch rechtzeitig eintraf. Als Dankbarkeit für die Rettung seines Jägermeisters überhäufte der Herzog dessen Diener mit Geschenken und verlieh ihnen den Ehrennahmen „Duba“, was soviel wie „Eiche“ bedeutet. Diesen Namen nahm später Friedrich Berka an, als er 1140 das Schloss Dub erbauen ließ. 

Doch zurück zum Tollenstein. Aus zweiter Hand hat sich überliefert, dass der Grundstein für die steinerne Burg im Jahre 1116 von einem gewissen Mathias Berka gelegt worden sei. Diese Annahme gründet sich auf einem nicht mehr vorhandenen Sandsteinblock, auf dem das Jahr 1116 sowie das Wappen der Berkas zu sehen war. Man muss das einmal so stehen lassen, denn ansonsten ist von diesem Mathias Berka nichts bekannt, außer dass er in jener Zeit gelebt haben soll.

In der Folgezeit hat man die Burg sicher weiter ausgebaut, je mehr das unwirtliche Grenzgebirge urbar gemacht wurde. Einer ihrer folgenden Besitzer war der königlich böhmische Oberlandesjägermeister Qual von Berka auf Leipa, dessen Untergebenen bekanntlich während der Verfolgung eines Bären um das Jahr 1250 den Oybin entdeckten, wie uns der Zittauer Geschichtsschreiber Johann von Guben überliefert hat. 

In der Zittauer Chronik taucht ein Heinrich Berka auf Leipa wieder im Jahre 1303 als Grundeigentümer der Stadt und des umgebenden Landes auf. In dieser Eigenschaft ließ er zu Pfingsten des Jahres 1303 auf der „Viehweide“ vor Zittau zu Ehren des böhmischen Königs Wenzel II (1271-1305) ein pompöses Ritterturnier ausrichten. Zur illustren Schar, die diesem Ereignis beiwohnten, gehörten neben dem König allein sechs Fürsten und rund 500 Ritter. Dieses Ereignis war sicherlich auch eine große Ehre für Sittaw (Zittau), welches erst ein knappes halbes Jahrhundert davor ihr Stadtrecht erhalten hatte. Leider wurde das Ereignis durch eine Art Kriminalgeschichte überschattet. Die Ritter Peter von Naptitz und Albrecht von Lomnitz, die zu jener Zeit Zittau pfandweise von den Berkas erhalten hatten, nutzten das Turnier um sich möglichst unauffällig an einem gewissen Grafen von Barby zu rächen – warum, weiß man nicht. Wie erwartet, erschien Barby in Begleitung seines Verwandten, dem Markgrafen Hermann von Brandenburg (1275-1308), in Zittau, um an dem königlichen Turnier teilzunehmen. Als es ans „Lanzenstechen“ ging, hat nun Peter von Naptitz den Grafen von Barby mit geheuchelter Freundlichkeit eingeladen, eine Lanze mit ihm zu brechen. Und so kam es zu dem Zweikampf, nur dass Peter von Naptitz sich eine scharfe Lanze reichen ließ. Und so kam es, wie es kommen musste. Die Lanze durchbohrte den Grafen, der tot vom Ross sank. Dieser hinterhältige Mord erregte das ganze Turnier, welches sofort abgebrochen wurde. In der allgemeinen Verwirrung konnten die beiden Mörder entfliehen und es kam das Gerücht auf, dass ihr Lehnsherr, Heinrich Berka, ihr Auftragsgeber gewesen ist. Das führte zu einen tiefen Zerwürfnis mit dem anwesenden böhmischen König, in deren Ergebnis Heinrich neben Zittau auch die Burg Tollenstein verlor, die nun an die Familie von Wartenberg überging. Zwar erhielten die Berkas nach einiger Zeit die Zittauer Güter zurück und bekamen außerdem Ausgleich für Tollenstein durch Landbesitz in Mähren. Aber bereits kurze Zeit später, unter dem König Johann von Luxemburg (1296-1346), verloren die Berken auf Leipa ihre Besitzungen in der Oberlausitz endgültig. Dafür gelangten die Wartenberger, deren Stammburg auf dem Berg Roll bei Niemes stand, immer mehr an politischer Bedeutung. Und hier beginnt die einigermaßen sicher überlieferte Geschichte der Veste Tollenstein. 

1310 wurde der mächtige königliche Statthalter von Mähren, Johann von Wartenberg, Abkömmling des Adelsgeschlechts der Markwartinger, nomineller Besitzer des Tollensteins. Seine Hauptburgen standen auf dem Roll sowie in dem Ort Wartenberg (Straz pod Ralskem) am Fuße des Rollberges. 

Außerdem nannte er und seine Nachkommen noch eine Vielzahl weiterer Burgen ihr Eigen, wie z.B. den Dewin, Trosky sowie den Schreckenstein bei Aussig. 1305 erhielt er zusammen mit seinen Brüdern Tetschen, wo die Familie schließlich bis 1511 ihren Sitz nahm. Die Wartenberger waren in der böhmischen Geschichte immer mit dem königlichen bzw. kaiserlichen Hof in Prag verbunden, wo sie das erbliche Amt des Obermundschenks bekleideten. 

Als König Johann von Luxemburg (später der „Blinde“ genannt) in den Jahren 1336 und 1337 auf der Seite des Deutschen Ordens gegen die Litauer kämpfte, tat sich besonders der böhmische Ritter Bohuslaw von Wartenberg hervor. Während dieser Zeit hatte er einen großen Teil seiner böhmischen Burgen an Mitglieder des niedrigeren Adels verpfändet, so ab 1320 auch den Tollenstein. Dort residierte nun ein Ritter aus Thüringen, der sich selbst dann den Namen „Kurt von Tannenwald“ gab. Manche ältere Historiker meinen sogar, daß dieser Ritter Tannenwald in den Jahren 1316 bis 1319 nachweislich Burghauptmann auf dem Oybin war und dann bei den Wartenberger in Dienste getreten ist. Er übte das damals in Adelskreisen nicht gerade unehrenhafte Gewerbe eines Raubritters aus. Die Gegend war dafür nicht gerade ungeeignet. Im flachen Norden etablierten sich die ersten reichen Städte wie Budessin, Görlitz oder Zittau mit ihren Weichbildern als lohnende Raubziele. Direkt unterhalb der Burg zog sich die steile Bergstraße über den Schöberpass in Richtung Prag hin – die alte Prager Straße. Und in den benachbarten Burgen Schönbüchel und zeitweise auf dem Oybin sowie auf der Burg Rohnau fand er nicht nur Mitstreiter im Geiste. Dadurch, dass der König oft auf Kriegszügen außerhalb seines Reiches weilte, liefen die Beschwerden der ausgeraubten Kaufleute und sogar der Städte weitgehend ins Leere. Zwar versuchten sich die Städte zu wehren, aber ihre Erfolge hielten sich in Grenzen oder wurden als persönliche Angriffe auf die Raubritter selbst angesehen, die sich, da von Adel, immer im Recht sahen. Insbesondere die Zittauer legten sich auf diese Weise mit den Tannwälder auf Tollenstein an, der nun deren Warenlieferungen nach Prag abfing und Gefangene machte, welche die Städte teuer auslösen mussten. Irgendwann platze dann dem Pfandherrn von Zittau, Herzog Heinrich von Jauer (1294-1346), der Kragen und er gab den Befehl, mit Waffengewalt gegen die Raubnester der Umgebung vorzugehen. 

Am Fastnachtstage des Jahres 1337 machte sich ein kleines Heer von Zittau aus auf den Weg zum Tollenstein, den sie in der Nacht vor Aschermittwoch erreichten. Der Burgherr selbst war mit einem kleinen Gefolge nach Tetschen geritten, um dort mit seinesgleichen lustig Fastnacht zu feiern. Man kann sich vorstellen, wie überrascht die Burgbesatzung war, als sie sich diesem Heerhaufen gegenüber sah, welcher die Burg quasi im Handstreich eroberte und jeden, den sie dort vorfand, niederhaute. Nach der obligaten Plünderung wurden die Holzgebäude der Sitte der Zeit entsprechend angezündet und der Tollenstein zum ersten Mal bis auf die Mauern niedergebrannt. Der Zittauer Stadtschreiber Johann von Guben hat diese Begebenheit in seinem Jahrbuch kurz erwähnt:

By Herczoge Heynken geczyten MCCCXXXVII. iar czoch dese Stadt vz mit andern steten und gewunnen daz Hus Tolensteyn.

Bereits ein Jahr später (am 15. Oktober 1338) wiederfuhr auch dem Raubnest Schönbüchel das gleiche Schicksal. Am 8. Dezember 1343 fiel dann durch List auch das Raubnest auf dem ansonsten unüberwindlichen Oybin. 

Herzog Jauer war mit diesem Feldzug der Zittauer so zufrieden, dass er nach Carpzow’s Analecta als Belohnung der Stadt den schwarzen schlesischen Adler im gelben Schilde in ihr Wappen gab – wo er sich noch heute befindet. 

Bohuslaw von Wartenberg, der wie gesagt, gerade mit den Ordensrittern und seinem König im fernen Litauen Krieg führte, dürfte die Zerstörung seiner Burg kaum groß gejuckt haben, wenn er denn überhaupt davon erfahren hat. Erst unter seinem Sohn Wenzel (Wanko) von Wartenberg, Obermundschenk von Böhmen, erfolgte ein Neubau, wobei die Räumlichkeiten bequemer und die Mauern stärker befestigt wurden. Er wurde dabei wahrscheinlich von seinem Sohn Sigismund, der in Tetschen residierte, unterstützt. Weiterhin ist überliefert, dass seine drei Enkel Johann, Wenzel und Peter von Wartenberg als Besitzer der Herrschaft Tollenstein, die u. a. Schönlinde und Warnsdorf umfasste, auftraten. Alle drei hatten jedoch ihre eigene Burgen: Wenzel in Reichstadt, Peter den Dewin und Johann den Roll (und später Prag, wo er Oberburggraf war). Die Burg Tollenstein scheint ab dem Zeitpunkt des Todes von Wenzel (Wanko) von Wartenberg (1368) von Johann von Prag aus verwaltet worden zu sein – zumindest bis 1382. Ab 1390 ging sie in den Alleinbesitz von Wenzel von Wartenberg auf Reichstadt über, der sich ab 1396 dominus in Tolsteyn nannte. Es scheint, dass er irgendwann zwischen den Jahren 1398 und 1404 die Burg dann den Berken von der Duba vermachte.

Die Ära der Raubritter hatte starke Auswirkungen auf die Etablierung und Organisation der Städte der Oberlausitz, die sich im Jahre 1346 zu einem Schutz- und Trutzbündnis zusammenfanden, der immerhin bis zum Jahre 1815, also über 469 Jahre Bestand hatte. Es handelt sich dabei um den Sechsstädtebund der Städte Bautzen, Löbau, Kamenz, Görlitz, Zittau und Lauban. 

Das erste Drittel des aufkommende 15. Jahrhundert wurde nicht nur in Böhmen durch die Ereignisse geprägt, die auf die Verbrennung des calvinistischen Reformators, Theologen und Hochschullehrers Johannes Hus in Konstanz am 6. Juli 1415 folgten – die Hussiten-Kriege. Sie können in ihrer Gesamtheit und Komplexität hier natürlich nicht weiter gewürdigt werden. Nur insofern sie das Gebiet der sechs Städte betreffen und damit auch Ereignisse, die mit der Burg Tollenstein im Zusammenhang stehen, berühren, sollen sie im Folgenden Erwähnung finden.

Die Jahre zwischen 1400 und 1414 liegen im Zeichen der Gebietsausweitung der auf der Burg Hohnstein in der Sächsischen Schweiz sitzenden Berken von der Duba, in dem sie sich die Herrschaft Tollenstein, zu der das Gebiet zwischen Rumburg, Schönlinde und Warnsdorf gehörte, einverleibten. So existiert z. B. eine auf den 18. April 1414 ausgestellte Patronatsurkunde über das Kirchspiel Schönlinde, den Heinrich Berka von der Duba als Dominus Henricus Berca de Duba, dominus in Talemstein unterzeichnet hat. Von ihm stammt der in der Ruine des Tollensteins gefundene Siegelstock, der neben den gekreuzten Eichenstöcken die Inschrift Segil hince berce trägt. Er wurde früher in Rumburg im sogenannten „Lichtenstein’schen Archiv“ aufbewahrt. Ob er noch vorhanden ist, weiß ich jedoch nicht zu sagen. 

Die Wirren der Hussitenkriege (1419-1439), welche die Oberlausitz stark zusetzten, sind in Bezug auf den Tollenstein mit dem Namen Johann Berka von Duba verbunden. Wenn die Nachrichtenlage auch nur sehr dürftig ist, so kann man sicher davon ausgehen, dass er ein entschiedener Gegner der Kelchbrüder war. So sandte am 23. Mai 1421 „der von Tolnstein“ einen Brief an den Zittauer Rat mit dem Inhalt, dass die Feinde aus Böhmen sich immer mehr der Stadt näherten. Im Jahre 1423 wurde die Lage akut. Es zeigte sich, dass den Hussiten nur die wenigsten Burgen kriegstechnisch gewachsen waren. Im Juni 1423 wurde z. B. die Burg Tetschen gebrandschatzt was dazu führte, dass sich die Hauptleute der Grenzburgen mit den Vertretern der Sechsstädte am 15. Juni in Löbau trafen um zu beraten, was zu tun sei. Als Ergebnis wurde ein Heer ausgestattet, welches eine Zeitlang weitere hussitische Vorstöße in die Oberlausitz verhinderte. Ob die Hussiten jemals vor den Mauern Tollensteins erschienen sind, kann nicht mit Sicherheit bejaht werden. 

Im Jahre 1425 gab es dann eine Kehrtwende. Die meisten Wartenberger, aber auch Johann Berka von der Duba hatten sich den Kelchbrüdern angeschlossen und damit quasi dem oberlausitzer Sechsstädtebund den Krieg erklärt. Dies ergibt sich aus folgender Begebenheit, deren eine Protagonist der Amtshauptmann von Budessin, Nicolaus von Pönickau, war. Denn bald nach Ostern 1425 zog Johann Berka mit einer Schar ausgewählter Krieger vom Tollenstein aus nach Deutsch-Ossig bei Görlitz, um auf dem Weg namentlich Schlachtvieh und Pferde zu stehlen. Als Nicolaus von Pönickau in Zittau davon Kunde erhielt, organisierte er in der Nähe von Spitzkunnersdorf einen Hinterhalt, der aber aufflog. So kam es bereits bei Schlegel zu dem Scharmützel, der für die Zittauer eine vollständige Niederlage brachte. Pönickau wurde auf die Burg Tollenstein entführt und dort gefangen gesetzt. Aber erst nach vielen Wochen konnten die Lösegeldforderungen von Pönickau selbst, seiner Familie und leihweise der Städte Zittau und Görlitz aufgebracht werden. Die Übergabe erfolgte in Schluckenau, nach anderen Quellen etwas später, kurz vor Pfingsten, in Warnsdorf. Wahrscheinlich musste sich der Amthauptmann, um die Freiheit wieder zu erlangen, sich selbst stark verschulden, denn es existiert ein Brief, in dem er von der Stadt Görlitz aufgefordert wird „einzureiten in Görlitz um der Stadt Schuld willen“. 

Das folgende Jahr, 1426, brachte Zittau neuen Ärger mit dem Tollensteiner. Damals lebte in Zittau ein reicher Jude mit dem Namen Smoyl in der Judengasse, der Johann Berka eine größere Menge Geldes geliehen hatte. Letzterer machte aber keine Anstalten, es ihm zurückzuzahlen. Also keine gute Ausgangslage für den Juden. So kam es aber, dass in der Stadt ein großer Transport Tuchwaren, die für den Tollensteiner bestimmt war, eingetroffen war, was dem Juden veranlasste, den Rat zu dessen Pfändung zu veranlassen. Das geschah auch, aber – wie man sich denken kann – war das nicht im Sinne der Ritter auf dem Tollenstein. So begannen sie eine Fehde gegen die Stadt. Ihr kleiner Haufen wurde durch beutelustige hussitische Krieger verstärkt und später stieß auch noch Johann’s Bruder Heinrich dazu, der mit rund 400 Reitern insbesondere den Eigen’schen Kreis und dann auch noch das Weichbild von Zittau, insbesondere Olbersdorf, verheerte. Jedoch, als sie mit ihrer Beute wieder heimwärts ziehen wollten, wurden sie von einer Zittauer Streitmacht im Spittelholz gestellt und aufgerieben. Ein böhmischer Ritter und viele andere angesehene hussitische Krieger verloren ihr Leben. Aber auch 12 Zittauer blieben tot auf dem Schlachtfeld zurück. Auf jeden Fall war erst einmal eine gewisse Zeit Ruhe, bis 1428 ein neues hussitisches Heer in die Oberlausitz einfiel und die Sechsstadt Löbau belagerte. Sie zogen jedoch ab, als sich ihnen das Lausitzer Heer näherte und wurden dann bei Kratzau am 16. November vernichtend geschlagen. Damit war aber der Hussiten-Spuk noch lange nicht vorbei. Bereits im darauffolgenden Jahr erschienen die Hussiten wieder mordend, raubend und brandschatzend in der Oberlausitz, wobei einer ihrer Anführer der Besitzer der Rollburg bei Niemes war. Löbau, Bischofswerda, Pulsnitz, Königsbrück, Wittigenau und das Kloster Marienstern wurden niedergebrannt. Im Oktober fiel dann Kamenz den Hussiten zum Opfer. Die Stadt ging in Flammen auf und eine große Zahl der Einwohner wurde dabei umgebracht. 

1434 zeichnete sich langsam das Ende der Hussitenkriege ab. Am 30. Mai fand südlich des Dorfes Lipan die Entscheidungsschlacht zwischen den radikalen Hussiten unter Andreas Prokop und Jan Capek von San auf der einen Seite und der Allianz zwischen den gemäßigten Utraquisten und den Kaiserlichen auf der anderen Seite statt. Die Schlacht endete mit einem Massaker, bei dem der Großteil der radikalen Taboriten ausgelöscht wurde. Zeitzeugen berichten, dass allein knapp 1000 von ihnen in Scheunen verbrannt wurden. Insgesamt nahmen unter Prokop rund 12000 Männer an der Schlacht teil. Ein Teil davon lief nach der Niederlage zu den Utraquisten über, ein anderer Teil gelang die Flucht. In der Folgezeit kam es dann noch zu vereinzelten Scharmützeln. Der letzte bedeutende Hussit, Johann Rohac von Duba, wurde am 9. September 1437 in Prag gehenkt. Damit war erst einmal der Hussitenspuk in Zentraleuropa vorbei und die Menschen konnten wieder aufatmen. 

In ungefähr die gleiche Zeit fällt eine lokale Begebenheit, die von Zittau ihren Ausgangspunkt nahm und die Sechsstädte die nächsten Jahre vor große Probleme stellen sollte. Sie ist als die „Wartenberger Fehde“ in die Geschichte eingegangen und das kam so: Ralsko von Wartenberg, Burgherr auf dem Rollberg bei Niemes, trat mit dem Landvogt der Oberlausitz, Thimo von Kolditz, in Verhandlungen um ihm die Burg Grafenstein bei Grottau für 400 Schock Prager Groschen zu veräußern – offensichtlich brauchte er wieder einmal Geld. Man wurde sich schnell einig und am Tag Mariä Himmelfahrt des Jahres 1433 erschienen die Zittauer zusammen mit ihrem Landvogt vor Grafenstein, um ihren neu erworbenen Besitz zu übernehmen. 

Um so überraschter waren sie, als die Burg mit Bewaffneten besetzt war, von denen sie sofort angegriffen wurden. Am Ende waren 8 Zittauer tot und 26 wurden von den Grafensteinern gefangengenommen. Thimo von Kolditz gelang in letzter Minute die Flucht. Außer sich wegen dieses Verrats versuchten die Zittauer Ralsko von Wartenberg habhaft zu werden, um ihn zu bestrafen. Das gelang schließlich auch und er wurde nach Zittau verbracht, dort eingesperrt und gefoltert (wie es damals üblich war) und schließlich von einem öffentlichen Gericht (welches zu dieser Zeit gewöhnlich unter freiem Himmel tagte) wegen Verräterei zum Tode verurteilt. Die Strafe, die auf diesem Delikt stand, war das Vierteilen. Sie wurde gerade während der grausamen Hussitenkriege gerne zur Abschreckung appliziert, z. B. an dem Bautzener Stadtschreiber Peter Prischwitz, welcher sich von den Hussiten bestechen ließ. Im Oktober 1429 machte er einen Teil des eingelagerten Pulvers für die Kanonen mit Wasser unbrauchbar und zündete am nächsten Tag ein Haus an, um dem Feind während der dabei entstandenen Wirren ein Tor zu öffnen. Am 6. Dezember hat man ihn „gevierteilt“ und seinen abgeschlagenen Kopf zur Schau gestellt. An der Nikoleipforte kann man ihn noch heute in Stein gehauen sehen. 

Das Schicksal, welches Ralsko von Wartemberg wiederfuhr, war sicherlich nicht sonderlich angenehm. Denn beim Vierteilen wurden die Arme und die Beine des Verräters an Pferden befestigt, die dann den Körper des Delinquenten auseinander rissen. Die Körperteile wurden dann gewöhnlich zur allgemeinen Abschreckung an den Stadttoren aufgehängt. All das geschah am 21. Dezember 1433 auf dem Marktplatz in Zittau. 

Johannes Guben oder einer seiner Nachfolger schrieb dazu in den Zittauer Jahrbüchern: 

„Item anno ut supra xxxiij supradictus traditor, Ralsko, der wart vns mit seinem halsse geanttwort, den lissen wir sleifen vnd virteilen noch seinem vordinem. factum quinta feria ante Thoma.“ 

Man kann sich vorstellen, dass seine adeligen Anverwandten darüber nicht gerade begeistert waren, so dass durch diese voreilige Hinrichtung nicht nur für Zittau, sondern für die gesamte Oberlausitz über die nächsten Jahre hinweg unberechenbarer Schaden entstand. Und so nahm die sogenannte „Wartenberger Fehde“ ihren Anfang. Schon wenige Tage nach der Hinrichtung erschienen, vom Tollenstein kommend, die Wartenberger und ihre Verbündeten vor Zittau und steckten am ersten Sonntag nach Weihnachten die gesamte Webervorstadt in Brand. Auch nahmen sie einige angesehene Zittauer Bürger, denen sie dabei habhaft werden konnten, mit auf dem Tollenstein, um sie dort einzukerkern und wahrscheinlich auch umzubringen. Diese Überfälle und Raubzüge mehrten sich im Folgejahr und auch die Weichbilder der anderen Sechsstädte waren mehr und mehr davon betroffen. Insbesondere das Oberhaupt der Wartenberger, der auf Tetschen sitzende Sigismund von Wartenberg sowie der Vater von Ralsko, Johann von Wartenberg, forcierte die Streitereien immer weiter. 1434 war eine Anzahl von Pferdewagen von Görlitz nach Zittau das Ziel eines Überfalls von Sigismund von Wartenberg. Zusammen mit Spießgesellen vom Tollenstein überfielen sie den Transport bei Rosenthal, wobei drei Zittauer getötet und 33 gefangen genommen wurden. Während man die Beute zum Tollenstein transportierte, zog Sigismund weiter in die Görlitzer Heide, um das Gebiet um Kohlfurt unsicher zu machen. Und so ging es hin und her. Erst 1435 kam es zu einem ersten Vergleich mit den Sechsstädten, bei dem aber Görlitz außen vor blieb. Auf jeden Fall konnte die Belagerung der Burg Landeskrone, die von einem Burghauptmann Jerusalem von Bechern befehligt wurde, abgewendet werden. Aber dafür ging alles, was sich außerhalb der Stadtmauern von Görlitz befand, in Flammen auf. 

1439 gingen die Feindseligkeiten von neuem los und die Wartenberger, vereinigt mit den Berken aus Leipa, überzogen die Oberlausitz wieder mit Krieg. Erst im Juli 1440 erschienen Unterhändler der Wartenberger in Zittau, um mit dem Landvogt Thimo von Kolditz einen Friedensvertrag aufzusetzen. Dieser wurde dann auch am 22. Juli 1440 von beiden Seiten unterzeichnet. Aber auch dieser „Friede“ war nicht von langer Dauer. Denn bereits am 16. Januar 1441 zündete Heinrich von Wartenberg, der Bruder des „Wartenbergs“, der auf dem Tollenstein saß, den Zittauern die Vorstädte an. 

Diese offensichtlich niemals endende Fehde veranlasste die Sechsstädte einen eigenen Kriegszug auszurichten, um die böhmischen Burgen der Wartenberger und ihrer Verbündeten endgültig zu schleifen. Und so geschah es auch. 1442, am 4. August, wurde in Görlitz zwischen den Sechsstädten und den Freiherren von Bieberstein, von Friedland, Reichenberg und Seidenberg sowie weiteren Grundherren ein Bündnis wider „den Stehgreifrittern und Strauchdieben sowie den Rittern von Wartenberg sowie Dohna auf Grafenstein“ ein Bündnis geschlossen, welches die 1437 begonnen Züge gegen die Burgen der näheren und ferneren Umgebung schlagfertiger gestaltete. 1441 wurde die Burg Fredewald bei Böhmisch Kamnitz zerstört (was zur Errichtung der „neuen Burg“ auf dem Schloßberg führte). 1442 konnten ein erfolgreicher Feldzug gegen die Burg Blankenstein (bei Aussig) unternommen werden, während die Belagerung des Kamnitzer Schlossberges erfolglos blieb. 1444 fiel das Stammschloss der Wartenberger in Tetschen unter den Streitkräften der Sechsstädte und im gleichen Jahr konnte auch die Burg Trosky im Böhmischen Paradies erobert werden. 1468 gelang dann auch noch die Eroberung der fast uneinnehmbaren Rollburg durch List, wie es Peter Eschenloher in seiner Chronik der Stadt Breslau beschrieben hat. 

Der Versuch, im Jahre 1444 auch die Burg Tollenstein zu erobern, schlug jedoch fehl. Vielmehr kam es zu eine Art von Friedensvertrag zwischen den Oberlausitzer Städten und den Burggrafen Wentsch von Dohna und Albrecht Berka vom Tollenstein, der, wie wäre es auch anders zu erwarten gewesen, brüchig wie ein alter Zwieback war. Es kam, so berichten die Geschichtsschreiber, bereits 1448 zu einer erfolgreichen Belagerung der Burg Grafenstein mit weitreichenden politischen Auswirkungen. So musste Albrecht Berka von Tollenstein beeidigen, „sich nach Land und Städten der Oberlausitz mit ihren offenen Schlössern gegen alle ihre Feinde richten zu wollen“. 

Die neue „Freundschaft“ der Berken auf Tollenstein mit den Sechsstädten wurde jedoch von der übrigen Verwandtschaft sehr mistrauisch aufgenommen. Auch scheint der neue Grundherr von Tollenstein, „Albrecht von der Dauba, Her zu Tolnstein und Sluckenau“, gegen seinen Schwiegervater Wentsch von Dohna intrigiert zu haben, was zu neuen Fehden Anlass kam. Andernfalls kann man den Brief, den der Burggraf von Dohna an den böhmischen Reichsverweser und zukünftigen König (ab 1458) 1452 auf Grafenstein geschrieben hat, nicht recht deuten. Es heißt darin: 

„Dem edlen und wolgebornen h.h. Girsick von der Cunstat und Podiebrad, oberster vorweser der cronen zu Behmen mynen g.h. und günstigen guten forderer. 

Ich clage E.G. das mir solcher frede den mir E.G. befohlen und geheissen hat zuhalden, mit den sechs landen und steten, nicht gehalden wird, und zuvoruß von der Zittau, die dann myne arme lüte man und frauen reublichen schinden, und nehmen was sie bey den finden uff den straßen, uff jren brogkin und vor der toren vor der stat Zittau, und haben mir auch in dem freden díe meynen gefangen, gestöcket und geschatzet, und weren mir und meynen lüten kauffens und verkauffens etc. und er Albrecht Birgke von dem Tholinstein, der hat syne helfer bie den von der Zittau, darum ich nichts anders verstehe dann das is sein getrib sey etc. siet der Zeyt ich von uwern g. von Prag abegescheiden bin etc. und ich bitte uver g. mir in den sachen beroten und beholffen zu sein etc. 

Gegeben am tage sente Katherine (25. November) 1452“ 

Offensichtlich traten jetzt in Umkehrung der üblichen Lage die Städte als „Räuber und Placker“ gegenüber dem benachbarten Adel auf. So folgte auch relativ schnell eine Antwort auf diesen Brief, „gegeben zu Melnick den Montag nach sante Barbaratag 1452“, diesmal direkt gerichtet an die Städte „Budissin, Gorlitz, Zittau, Luban, Löbau und Camenz“ – den „lieben fründen“ des Reichsverwesers mit der Ermahnung, Ruhe und Frieden zu halten. 

Als 1457 auch Albrechts Nachfolger, Johann Berka von Duba gestorben war, erbte „Albertus de Dube et de Tolstein“ die gesamte nicht unerhebliche Tollensteiner Herrschaft, zu der weit über ein Dutzend Dörfer gehörte, ja selbst Burkersdorf und Schlegel nördlich von Zittau. Zu einer echten Übergabe mit Lehnsurkunde kam es aber nicht, da der böhmische König Ladislaus Postumus am 23. November 1457 in Prag verstorben war und sein Nachfolger, der Ultraquist Georg Podiebrad von Kunstadt, alle früheren Vereinbarungen mit dem Katholiken Albrecht von Duba als nichtig erklären ließ. Das provozierte eine offene Feindschaft zwischen dem Tollensteiner und seinen neuen König, den er nur als „Ketzer“ zu titulieren pflegte. 1463 war dann das Maß voll, und König Podiebrad erklärte das crimen laesae majestatis, was bedeutete, dass Albrecht offiziell all seine Güter verlor und auch um sein Leben gebracht werden sollte. Am 29. Juni 1463 wurde dann eine königliche Order an die Räte der Sechsstädte erlassen, die folgenden Wortlaut hatte: 

„Nachdem Albrecht Berka zum Tolstein sich wider ayde, gelübde und alle pillikeit, damit er uns und unser cron vorpunden ist, understanden hat, uns und dieselben unser cron unzimlichen fürzunehmen, und damit aus aller gehorsam gangen, das uns nicht unpillichen befrembdt und zu dulden fast swere were. Dorumb so begeren wir an euch in ernst, so der edel Jan von Wartenberg unser voit der sechs stete und lieber getreuver euch von unsern wegen schreiben, tag, stat und zeit benennen wirdet, das jt denn mit puchsen, pleiden, wagen, zugehorungen und etlich den ewem jen unvorzihen zuzihete, solch sloß Tolstein umlegen helffet, und allda bey im 14 tag beharret, bis er mit sampt audern underthan dasselbe sloß versorget und umblagert habe. 

Geben zu Prag an sant Peters und Paulustag, unsers reichs im sechsten jare. 

Ad relationem Jodici de Eynsidel secretarii“ 

Es gilt aber als Zweifelhaft, dass sich die Sechsstädte, die ja streng katholisch waren, dieser Aufforderung nachgekommen sind. Belagert und eingenommen wurde Tollenstein trotzdem – durch den Landvogt Johann von Wartenberg (am 14. Juli 1463). Man berichtet, dass er keine Gnade walten ließ und alle Burgleute, soweit sie ihm lebendig in die Hände fielen, einfach aufknüpfen ließ. Albrecht Berka von der Duba gelang jedoch die Flucht zu dem päpstlichen Legaten Hieronimus Landus, was ihm wahrscheinlich das Leben rettete. 

Auf diese Weise gelangte die Herrschaft Tollenstein wieder an die Wartenbergs, genauer an Johann von Wartenberg (Tetschen) und an Heinrich Berka von Duba. Sie hatten zwar bereits die Burg in ihrem Besitz, aber rechtlich bedurfte es noch einem Eintrag in die sogenannte böhmische Landtafel, der dann auch im Juni 1464 erfolgte. Auch hier ist der Wortlaut der Eintragung erhalten geblieben: 

„m.Juni 1464. Georg, König von Böhmen, u. hat in die Landtafel einzutragen befohlen: Wie Albrecht Berka von Duba der Landesverfassung entgegen sich mutwillig empört, welcher Schuld halber der König ihn bestrafen wollte. Welcher Berka nur die erste Missethat durch noch schlimmere zu vertheidigen suchend, den König Georg schändlich mit unwahren und schmählichen Reden und Berufen ungeziemender Weise beschimpft hat, weswegen er für solche Schuld in das crimen laesae majestatis verfallen sei, auf welches nach Recht der Verlust von Leben und Gut gesetzt ist. Und so ließ ihn der König für solches Verschulden strafen und nahm ihm die Burg Tolstein und Schluckenov und seine anderen freien und Lehengüter und hat den Herren Heinrich Berka von Duba und dem Johann von Wartenberg und Tetschen, Voigt der Sechsstädte, welche auf Befehl s. Majestät auf eigene Kosten die Burg Tolstein belagert haben, solche Güter in die Land und Lehentafel einlegen lassen nach dem in solchen Fällen üblichen Brauche.“ 

Am 12. Juni 1464 gab Heinrich Berka alle seine verbrieften Rechte an Johann von Wartenberg ab, der ab diesem Zeitpunkt alleiniger Herr der Veste Tollenstein und der dazugehörigen Herrschaft wurde. Nur war ihm die Freude darüber nicht lange vergönnt, denn er verstarb bereits am 19. November 1464 in Bautzen, wo er auch in der Mönchskirche (die heute eine Ruine ist) beigesetzt wurde. Sein Nachfolger wurde sein Sohn Christoph. 

1467 kam es zu offenen Unruhen gegen den verhassten König Georg, der von den Katholiken wegen seiner ultraquistischen, d. h. hussitischen Religion unter der Hand und manchmal auch offen – so z. B. vom Bischof von Breslau, Jodcusi von Rosenberg – als Ketzer angesehen wurde. So ist es nicht verwunderlich, dass sich katholische Bünde wider den Utraquisten bildeten. Auch ein Teil der Oberlausitzer Städte (genaugenommen Budissin, Görlitz und Zittau) traten einem solchen Bündnis bei. Ja es wurde während eines Konvents in Zittau sogar offen zu einem Kreuzzug wider die Hussiten aufgerufen. Neue Fehden folgten, insbesondere gegen die Wartenberger, die am königlichen Hof zu hohem Einfluss gelangt waren. Insbesondere der Bruder Christophs, Sigismund von Wartenberg ist hier zu nennen, der es bis zum Ober-Mundschenk des Königreichs Böhmen gebracht hat. Genauso wie sein Vater Johann wurde er auch zum Landvogt der Oberlausitz erhoben, was den Sechsstädten sicherlich gar nicht schmeckte. Auf diese Weise schaukelten sich die Spannungen zwischen den Burg- und Landbesitzern, die König Georg Podiebrad zugeneigt waren und den katholischen Städten immer mehr auf. Vom Tollenstein aus wurden wieder ausgedehnte Raubzüge in die Weichbilder der Städte jenseits des Gebirges unternommen, wobei das naheliegende Zittau am meisten darunter zu leiden hatte. Aus dieser Zeit hat sich eine Begebenheit überliefert, die in den Zittauer Jahrbüchern des Johannes von Guben von einem seiner Nachfolger sehr ausführlich überliefert worden ist, denn die „Schlacht am Breiten Berge“ (zwischen Zittau und Großschönau) ging für die Stadt mehr als glücklich aus. Deshalb möchte ich kurz darüber berichten. 

Ausgangspunkt war wieder eine Vielzahl von Einfällen der böhmischen Ritter in der Oberlausitz sowie in Schlesien. So wird berichtet, dass im September 1467 ein Haufen Kriegsvolk unter der Führung des Heinrich von Duba und seines Sohnes Jaroslaw zusammen mit den ultraquistischen Rittern Zarda von Utzke (Aussig), Felix von Scal sowie Benesch von Michelsberg unvermittelt in der Oberlausitz erschien und fast alle Dörfer in der Umgebung von Zittau verwüstete. Ihr Ziel war es in erster Linie Vieh zu stehlen und in Richtung Tollenstein zu treiben. Außerdem versuchten sie eine Belagerung des Oybins, die sie aber verständlicherweise abbrechen mussten. Um die Cölestiner-Mönche trotzdem zu ärgern, haben sie ihnen die großen, im Hausgrund gelegenen Fischteiche abgestochen und deren Dämme zerstört. Daran soll übrigens Christoph von Wartenberg selbst mit beteiligt gewesen sein. 

Bereits acht Wochen später trafen die Anhänger König Podiebrads mit ~100 Reitern und ~800 Mann Fußvolk wieder in der Oberlausitz ein, um nun die Dörfer nördlich von Zittau, insbesondere Oberseifersdorf und Großhennersdorf, niederzubrennen und auszuplündern. Ihre wichtigsten Anführer waren Christoph von Ronburg, Herr auf Blankenstein und wahrscheinlich amtierender Burghauptmann der Burg Tollenstein, sowie sein Vasall Hans von Lottitz, der in Schirgiswalde saß. Derweil schickte Zittau eine vorsorglich in ihren Mauern gesammelte Heerschar (die wiederum eine größere Anzahl sogenannter „Kreuzler“ enthielt – Studenten und Magister aus Leipzig, die mit einem schwarzen Gewand mit weißem Kreuz bekleidet waren und die in erster Linie für ihr „Seelenheil“ kämpften) in den nicht weit entfernten Breiteberg, wohlwissend, daß dort die Plünderer mit ihrer Beute vorbeikommen müssen, sollten sie den kürzesten Weg zur Veste Tollenstein wählen. Und so kam es auch. Am Mittwoch vor Elisabeth (19. November 1467), gegen Nachmittag, erschien die erste Vorhut und nach ihnen die Treiber mit dem geraubten Vieh. Zuvor hatte man die Späher der Böhmen abgefangen und „peinlich“ verhört, so dass man über deren Absichten Bescheid wusste und man selbst vom Gipfel des Berges das Signal für einen freien Durchzug geben konnte. Die Zittauer ließen die Vorhut vorsorglich vorbeiziehen, da sie es ja auf die böhmischen Ritter abgesehen hatten. Erst als Christoph von Ronburg und seine adeligen Spießgesellen die Nordseite des Berges passierten (der größte Teil der Reiterei nahm übrigens einen anderen Weg), kam es zu dem Scharmützel, das überschwenglich als „Schlacht am Breiten Berge“ in die Annalen eingegangen ist. Die Böhmen müssen so überrascht worden sein, dass sie kaum zur Gegenwehr fähig waren. Denn die Chronik berichtet, daß am Abend 150 tote Böhmen, aber nur drei tote Zittauer (deren Namen übrigens überliefert sind – ein Jacob Rawer, ein Hans Hentschel sowie ein Bauer aus der Gegend) auf dem „Schlachtfeld“ zurückblieben. Letztere wurden später auf dem Kirchhof der Zittauer Johanniskirche begraben, während man die gefallenen Ritter (darunter Hanns von Lottitz) und ihre Knappen und Söldner direkt an Ort und Stelle verscharrte. Noch Jahrhunderte später fand man hier noch Knochenreste, Schädel und Rüstungsteile. 

Durch diesen leichten Sieg bestärkt, ergriffen nun die Sechsstädte selbst die Initiative und marschierten im folgenden Frühjahr mit einem eigenen Heer über das Lausitzer Grenzgebirge. Ihre Erfolge hielten sich aber in Grenzen und ohne viel erreicht zu haben (bis auf ein Waffenstillstandsabkommen mit dem Herrn Heinrich Berka von Duba) zogen sie im Herbst wieder zurück in die Lausitz. Währenddessen organisierten die Sechsstädte bereits eine neue Heerfahrt nach Böhmen, für die sie in großer Zahl Söldner warben. Auf diese Weise kamen unter der Befehlsführung eines Franz von Haag ungefähr 2000 Fußsoldaten – darunter wieder viele „Kreuzler“ die darauf aus waren, „Hussitenschädel zu spalten“ – und rund 800 Reiter zusammen. Ihr erster großer Erfolg war die Einnahme der Rollburg bei Niemes (10. August 1469). Danach zogen sie unter Jaroslaw von Sternberg zum Tollenstein, um die dortige Burg zu schleifen. Für diese Unternehmung hatten sie sich von den Budissinern eine besonders große Kanone, eine sogenannte „Tetschner Büchse“, ausgeliehen und vor Ort gebracht, um damit in die starken Burgmauern eine Bresche zu schlagen. Die Unternehmung lief auch ganz gut an und die Belagerung, die am 27. August 1469 ihren Anfang nahm, hätte sicherlich zum Erfolg geführt, wenn nicht ein anderes Ereignis die Kampftruppen zum Abzug nach Zittau gezwungen hätte. Und das kam so: Unbemerkt erreichte Ende August ein böhmisches Heer unter dem Herzog von Münsterberg mit insgesamt 6000 Kriegern über das Gebirge das Weichbild Zittaus, wo es auf der sogenannten Queckwiese (wahrscheinlich die heutigen Kaiserfelder) zu einer Schlacht kam, die für die Zittauer desaströs war. 60 von ihnen, so steht es in den Gubenschen Zittauer Jahrbüchern, wurden erschlagen und 246 gefangen genommen. Ihre Auslösung kostete der Stadt die damals beachtliche Summe von 3000 Gulden, für deren schnelle Beschaffung eine Vielzahl von Urkunden und Siegeln verpfändet werden mussten. Es war klar, dass die vor Tollenstein liegenden Soldaten schnell nach Zittau eilten, um den Fall der Stadt noch im letzten Moment zu verhindern. Zwar wurden sie von den Truppen des Herzogs bei der sogenannten Neumühle gestellt, wobei an die Fünfzig „Zittauer“ getötet worden sein sollen. Aber die hussitischen Heerhaufen hatten bereits begonnen die Belagerung Zittaus aufzugeben und sind weiter gezogen. 

Als Zeitzeugebericht sollen hier nur kurz die Notizen des Breslauer Chronographen Peter Eschenloher wiedergegeben werden, die sich inhaltlich weitgehend mit den Aufzeichnungen in den Gubenschen Jahrbüchern decken: 

„Herr Jaroslaw von Sternberg mit den sechsstädten zogen vor den Tolnstein und beharreten davor fünf tage. Indes da die Behmen vor Budin höreten, daß die unseren nicht zu inen, sondern heim gezogen waren, da zogen sie mit einem starken heere gen Zittaw. Des die armen leute sich nicht besorgten, liefen aus der Stadt, mit den feinden zu scharmeuseln als sie zuvor ofte getan hatten, sondern vom heere wussten sie nicht. Sondern da sie das sahen, da waren sie der stadt zu ferne und flohen bei 200 in die möle, darinnen sie überhaupt gewonnen, gefangen und gemorded wurden und hetten die ketzer zu der stat zu gestürmet, sie hetten sie ohne were genommen, wan die mannschaft gar draußen algereit gefangen waren, und die andern vor dem Tolenstein lagen; nicht hundert werlicher manne blieben in der stat, die got uf diesen tag wunderzeichlich erhielt. Das geschrei kam in das heer vor dem Tolenstein, das von stat an uf war unde zogen gen Zittau an die stat. Davon die Behmen und ketzer nicht wusten, sondern da sie das heer vor dem tolenstein hetten gewust, sie hetten es gar behalten. Bei tausend männer hatten kaum die Zittauer und übrigen Lausitzer vor dem Tolenstein und der ketzer heer wart gegen 6000 geschatzt. Da blieben die ketzer vier tage vor der Zittow und taten vil versuchen mit einlaufen, aber alles umsunst und nicht one schaden der ketzer, und hetten die ketzer nur gewaret, daß dies heer vom Tolenstein nicht vor die Zittow were komen, so hatten die ketzer one müh die Stadt Zittow gewonnen.“ 

In welcher mißlichen Lage sich Zittau zu diesem Zeitpunkt befand, kann man auch den verzweifelten Bittbriefen des Zittauer Rates an die Lausitzer und schlesischen Landvogte entnehmen, in denen sie inständig um Entsatz baten. Dem wurde dann auch stattgegeben und ein Reiterheer von über 500 Pferden machte sich unter Franz von Hag nach Zittau auf, ohne freilich viel zu auszurichten. Denn die Hussiten waren längst weiter gen Lauban nach Schlesien gezogen. Zuvor hatten sie noch die Orte Hirschfelde, Ostritz und Seidenberg ausgeraubt und niedergebrannt. 

Auf diese Weise blieb die Burg Tollenstein weitgehend verschont. Es mussten nur einige umfangreiche Ausbesserungsarbeiten vorgenommen werden, um sie in ihren alten Zustand zurück zu versetzen. Die Besatzung war aber soweit geschwächt und ihr Eigentümer „außer Landes“, daß sie schließlich doch am 5. Februar 1470 nahezu kampflos von den Sechsstädten übernommen werden konnte. Die Burg diente dann als Faustpfand für Verhandlungen, die offensichtlich erfolgreich verlaufen sind, denn schon ein Jahr später erfolgte die Rückgabe an ihren alten Besitzer. Nach dem Tode König Georgs von Podiebrad im Frühjahr 1471 änderten sich wieder einmal die Machtverhältnisse in Böhmen und es kamen wieder katholische Herrscher an die Macht. In diesem Fall konkurrierten gleich zwei Herrscher um die böhmische Krone. Einmal der ungarische König Matthias Corvinus (1443-1490) und zum anderen Wladislaus II (1456-1516), König von Polen und Großfürst von Litauen. Beide ließen sich 1471 zum böhmischen König krönen, wobei Letzterer schließlich die Oberhand gewann. 

Diesen politischen Änderungen war es sicherlich auch geschuldet, dass Christoph von Wartenberg den Tollenstein samt der dazugehörigen Herrschaft einschließlich Schluckenaus am 3. Dezember 1471 an die Herzöge Albrecht und Ernst von Sachsen vermachte, was auch nach einer Urkunde im Folgejahr vom neuen König Wladislaus II abgesegnet wurde. 

Die kurze Episode unter sächsischer Herrschaft (sie währte bis ungefähr 1479, wo die Burg – zum letzten Mal in ihrer Geschichte – wieder an die Wartenberger zurück fiel) war durch eine böse Fehde zwischen der Familie von Lottitz und der Stadt Zittau geprägt, die sich bis auf den Tod ihres Oberhauptes bei der Schlacht am Breiten Berge zurückverfolgen lässt. Im Einzelnen ging es um Entschädigungszahlungen, die Zittau aber nicht leisten wollte. In diesem Zusammenhang erfolgte 1481 eine schriftliche Erwähnung des Tollensteins, auf dem zu dieser Zeit ein Amtmann bzw. Burghauptmann residierte. Der Zittauer Rat ließ darin in einem Brief mitteilen, „er möge ihnen zu dem Ihrigen verhelfen, Hanns von Lottitz, Jergiswalde genannt, habe sie bei Budessin beschädigt“. Wie die Fehde endete, ist leider nicht mehr in Erfahrung zu bringen. 

Die nächsten knappen zwei Jahrhunderte sind von den neuen Besitzern der Burg und der Herrschaft Tollenstein, dem aus dem Erzgebirge und dem Meißner Land stammenden Adelsgeschlecht der Schleinitze, geprägt. Wie Bohuslav Balbin berichtet, soll ein Angehöriger dieses Geschlechts bereits 1184 als königlicher Mundschenk gedient haben. Urkundlich nachweisbar und belegt ist aber erst Haugolt III von Schleinitz, der 1485 von Christoph von Wartenberg das „Lehenschloß Tolenstein mit den Orten Tolndorf, Grund, Schneckendorf, Belnsdorf, Schönburn, Schönlinde, Schönbuch und Erenberg“ käuflich erwarb. Damit begann das „Schleinitz’sche Zeitalter“ des Burgfleckens, welches durch eine gewisse Prosperität der Gegend und durch die Gründung der Bergstadt Sank Georgenthal (Jiřetín pod Jedlovou) im Jahre 1554 ausgezeichnet ist. 

Haugolt III war Obermarschall von Kurfürst Ernst von Sachsen und Herzog Albrecht und seine Stammburg war die Burg Kriebstein über der Zschopau in der Nähe von Döbeln in Sachsen. Als er 1490 starb, siedelte sein Sohn Heinrich endgültig nach Tollenstein über, um sein Erbe in Besitz zu nehmen. Unter seinen adeligen Nachbarn wurde er dabei mit Argwohn beobachtet denn schon in Bezug auf seinen Vater mussten diese vom Böhmischen König extra ermahnt werden, dass die Tollensteiner und Schluckenauer Lehensleute dem Herrn von Schleinitz „wenngleich derselbe dem böhmischen Herrenstande nicht angehöre, Gehorsam zu leisten verpflichtet seien“. 

Heinrich von Schleinitz begann nun alle Ortschaften der Umgebung nach und nach aufzukaufen und konnte damit das Landerbe seines Vaters innerhalb kürzester Zeit fast verdoppeln. Dazu noch die Herrschaft Pulsnitz sowie die Herrschaft Hohnstein mit 5 Städten und 49 Dörfern. Im Jahre 1515 verkaufte er Teile von Oderwitz sowie die Scheibemühle in Herwigsdorf den Cölestiner-Mönchen auf dem Oybin, was ihm 300 Gulden einbrachte. Unter seiner Herrschaft wurde auch die Burg Tollenstein gründlich überholt, modernisiert und zum ersten Mal in ihrer Geschichte wohnlich eingerichtet. Als Heinrich von Schleinitz am 14. Januar 1518 in Meißen verstarb, hinterließ er seinen 6 Söhnen ein wahrhaft beachtliches Erbe welches nun zu recht das „Schleinitzer Ländchen“ genannt werden durfte. 

Zuerst herrschten alle 6 Brüder gemeinsam über ihre Besitzungen. Doch ihre Zahl verminderte sich schnell so daß ab 1526 nur noch zwei Brüder, Ernst und Georg von Schleinitz übrig blieben. Während Ernst nur selten auf dem Tollenstein weilte – er wurde nach einem Theologiestudium in Bologna 1504 Kanonikus in Prag, seit 1511 Prager Dompropst, seit 1539 Verweser des Erzbistums Prag und seit 1544 auch noch Dompropst zu Meisen - übernahm Georg meistenteils allein die Verwaltung der Herrschaft. 

Als Ernst am 6. Februar 1548 starb, wurde er wunschgemäß in seinem „Ländchen“, in der Pfarrkirche zu Schluckenau, begraben. Sein Grabstein (ob er noch existiert, weiß ich nicht. Ich habe ihn jedenfalls nicht gefunden. Er soll jedenfalls noch irgendwo in der Kirche stehen) bekam die Inschrift

„A.D. 1548 Octavo Jdus Febr.obiit. Reverendiss Pater ac generosus Dominus Ernestus a Schleinitz SS Pragensis et Misnensis Ecclesiarum Praepositus et Pragensis Archiepiscopatus olim Administrator et Dominus in Tollenstein et Schluckenau.“ 

Kirchengeschichtlich ist interessant, dass ihm eine Disputation mit Martin Luther in Anwesenheit des Herzogs Georg von Sachsen nachgesagt wird. 

Von den ersten Jahren Georgs auf Tollenstein sind nur Berichte über eine Anzahl von Streitereien überliefert – man hielt wahrscheinlich nur so etwas für‘s Aufschreiben wert. Es ging dabei um Zollschranken, um Zuständigkeiten (z. B. in Bezug auf die Gerichtsbarkeit) oder schnöde um das liebe Bier. In dieser Beziehung kannten die Zittauer keinen Spaß, wie 1490 schon einmal die Görlitzer erfahren mussten, als sie auf der Höhe hinter dem „Bergfriedens“ bei Ostritz in Richtung Rosenthal Zittauer Bierfässer zerschlugen (die Stelle ist noch heute als „Bierpfütze“ bekannt). Bei so einem Ereignis wurden ernstlich auch Fehdebriefe zwischen den Sechsstädten ausgetauscht. Der über den „Bierkrieg“ kann noch heute in der Görlitzer Brauerei besichtigt werden. 

Als Georg im Jahre 1530 Georg von Schleinitz seinem Richter in Eibau erlaubte, Laubaner Bier auszuschenken, kam das einer Kriegserklärung an die Zittauer gleich. Als das bekannt wurde, schickte der Zittauer Rat sofort eine Streitmacht „mit gewappneter Hand“ nach Eibau, welche alle fremden Bierfässer zerschlugen. Georgs Klagen blieben erfolglos, denn die Zittauer beharrten auf das ihnen 1414 verliehene Recht, nur allein eigenes Bier in ihrem Weichbild zu dulden. Und es dauerte auch noch recht lange, bis sich die Wogen wieder geglättet hatten. 

Eine der wenigen positiven Berichte aus jener Zeit betrifft eine vom Burggrafen Nicolaus von Dohna ausgerichtete Festlichkeit auf seiner Burg Grafenstein bei Grottau. Das „Vogelschießen“ – eine Tradition, die sich bis heute in der Oberlausitz gehalten hat, war der Anlass dafür. Im Jahre 1528 versammelte sich im Schloss eine große Zahl böhmischer und sächsischer Edelleute zum Wettbewerb. Wer gewonnen hat, konnte ich nicht mehr recherchieren. Auf jeden Fall hat Georg von Schleinitz beim Armbrustschießen den dritten Platz belegt. 

Georg von Schleinitz ging in der Verwaltung seines „Ländchens“ voll auf. Er ließ Meierhöfe erbauen, begründete Mühlen und begann sich – von Wünschelrutengängern angeregt – für den Bergbau zu interessieren. Außerdem war wahrscheinlich bekannt, daß bereits 100 Jahre früher in der Gegend – vornehmlich im Meisengrunde – Bergwerksversuche angestellt worden sind, ja, der damalige König Ferdinand hatte sogar Schürfrechte an die Patrizierfamilie Fugger verpachtet. Das Gebiet der sogenannten Lausitzer Überschiebung, wo quarzreicher Granit über den Sandstein gehoben wurde, ließ auf jedem Fall reiche Ausbeute erwarten. So ließ Georg von Schwanitz ab 1548 Bergleute aus der Freiberger Gegend kommen, um sie hier anzusiedeln. Die ersten 32 Knappen begannen ihre Arbeiten am sogenannten Kreuzberg mit dem Eintrieb eines letztlich 197 m langen Stollens, aus dem hauptsächlich Bleiglanz und Kupferkies mit einem gewissen Silberanteil gefördert wurde. Später hat man dann noch weitere Stollen abgeteuft, von denen der Stollen „Johannes, der Evangelist“ für Besucher seit einiger Zeit wieder zugänglich ist. 

Aufgrund dieser Anfangserfolge ließ Georg von Schleinitz im Jahre 1554 am Fuße des Kreuzberges (früher „kahle Haide“ genannt) eine neue Stadt anlegen, die einmal aus 500 Häuser bestehen sollte. Wie in den erzgebirgischen Bergstädten üblich, sollte auch hier jeweils zwischen je drei Häusern eine Gasse verlaufen. Diese regelmäßigen Formen sind noch heute auszumachen. 

In den Ruinen des Tollensteins fand man noch lange Jahre nach dessen Zerstörung durch die Schweden an einem Türstock, der sich nördlich des halbrunden Turms befunden haben soll, den folgenden Spruch: 

„Georg heiß‘ ich und schau ins Tal. 
Das Städtel soll heißen St. Georgenthal.
Anno 1554“

Über die Gründung von St. Georgenthal hat sich ein Dokument erhalten, das ich im Folgenden im Ausschnitt wiedergeben möchte: 

„Ich George, Herr von Schleinitz auf Tollenstein und Schluckenau etc.: Als Gutsherr, bekenne hiemit öffentlich, vor mich, meinen Erben, Erbnemen, und Nachkommende, demnach der allmächtige Gott, ohne Zweifel aus sonderlichen Gnaden, zur Mehrung seines einigen göttlichen Lobes und Ehre, und vielen Menschen zur Beßerung verliehen, daß sich in kurzer Zeit auf meinen Gründen und Gütern, zum Thalenstein und Schluckenau gehörig allerlei schöne Bergart an Gold, Silber, Kupfer und andere Metall etc.: Gottlob ereuget und bewiesen, und zu hoffen ist, wo sich Fremde des Ortes einlaßen, daß daselbst mehr und größere göttlichen Gnaden zu erwarten sein wird, daraus dann sonder Zweifel, viel merklicher Nutz und viel Gutes erfolgen möchte, welches ich als rechter Erb- und Grundherr gemeltes Bergwerk aus christlicher Liebe und guten Willen zu fördern mich schuldig erkenne, derhalben alle dem Gewerken, die sich allda zu banen einlaßen werden, aus wohlbedachten Gemüthe und zeitlichen Rathe, eine Freiheit und Ordnung gegeben habe, und hiemit geben thu, wißentlich in Kraft dieses Briefes, wie laut Artickelsweise folgt: 

Zum ersten: Zur Erhaltung und Aufnehmung des Gottesdienst, und der armen Leute, so von dem Bergwerke schadhaftig, oder in andern Wege des Almösen nehmens nothdürftig werden, auch zur Erhebung einer solchen Bergstadt soll von einer jeglichen Zechen, von den Bergwerken zwei Kuks, von der gemeinen Darlage gebaut werden. 

2tes. Will ich allen Gewerken, so sich auf bemeldt mein Bergwerk dasselbige zu bauen begeben haben; fünfzehn Jahr lang nach Dato folgende gestatten und nachlaßen, daß sie Bauholz zu ihren Häusern, desgleichen zu Schächten bauen, Stollen, Hütten, Mühlen, Kohlhäusern, Brennholz und Rustholz und zu Pochwerk, ausgenommen zu Kohlen, auf meinen Wäldern u. Hölzern um den Talenstein gelegen, nämlich: den Wald oder Gehölze auf den Steinbruche, auf den Brand von der Fischbach, bis zu den alten Vorbrige, Item, vor dem Schloß Talenstein hinter dem Steinbruche anfangend bis vor die kahle Haide auch der Berg, der Ziegenrücken genannt, bis an die Weisbach bei den Königsholze, wie denn solches alles abgepflegt und verlachtert worden ist, ohne eigenen Waldzins frei haben, doch auf ihr Darlehen fällen und führen mögen, der Meinung und Gestalt, so jemand aus den Gewerken Holz vonnöthen, daß er es meinen verordneten Förster zuvor ansage, und nicht ohne derselben Vorwißen und Willen Holz niederschlage, und daselbst zugreife, wo, und an welchen Orte mein Förster einen Jeglichen weisen wird, daran soll er sich begnügen laßen, und nicht weiter fahren, dagegen sollen sie mir, meinen Erben und Nachkommen schuldig sein 4 Erbkuks, auf einer jeden Zechen zu bauen. 

3tes. Weil der allmächtige Gott gnädiglich verliehen, daß sich an angezeigten Oertern meiner Herrschaft jetztunter allbereits eine Anzahl der Gewerken und Bergleute, das Bergwerk zu treiben, versammelt haben, und ihnen von Nöthen vorfällt, zu ihren Erhallt, und Bequemlichkeit, eine Baustadt einzuräumen, und zu eignen, welches ich gethan, und hiemit thu, daß selbige meine neue Bergstadt, Sankt Georgenthal von nun an, und zu ewigen Zeiten geheißen, und von jedermänniglichen genannt werden soll, thue auch die selbige Bergstadt mit gebührlicher Freiheit begnaden, wie folget: daß ein Jeglicher der sich an diesen Ort begeben hat, oder wird, zu bräuen, zu schenken, backen, schlachten; desgleichen auch allerlei Hantirung und Gewerbe, mit kaufen und verkaufen, ohne Beschwerung Aufsätze und Tribut, nach seinen besten Nutz und Frommen zu treiben, Frey und Macht haben soll, auch daß alles Gut, so zu Enthaltung, gemeltes Bergwerkes geführt, getrieben und getragen wird, auf mein und meiner Erbherrschaften, als ferne sich die erstrecken aller Geleite und Zölle gefreit sein sollen, will auch jenen, vor mich meinen Erben und Nachkommende, nachlaßen, einen Rath, Bürgermeister, Richter und Schöppen und andere Gewaltige, unter sich zu wählen, welche dem Bergwerke förderlich, nützlich, mir, auch meinen Erben leidlich sein werden, doch daß dieselbigen, von mir, meinen Erben und Nachkommenden confirmirt und bestättigt werden. Desgleichen, daß sie und sonst ein jeglicher, wie er geseßen mir, meinen Erben und Nachkommenden, gebührliche Eid thu, und damit der gemeine Nutz desto stattlicher versorget sei, will ich dem Rathe , vor mich, meinen Erben, und Nachkommen- den fünfzehn Jahre lang, die Erbgerichte, Wage, Brotbänke, Bräuhäuser, Salzkasten, Badstuben, Fleischbänke und was sonst auf andern freien Bergstädten, üblich und gebräuchlich eingeräumt haben, ausgeschloßen Malehticien und Halbgerichte.“ 

Georg von Schleinitz war übrigens auch der Begründer und Namensgeber des Städtchen Georgswalde unweit von Rumburg. In letzteres Städtchen verlegte er auch seinen Alterswohnsitz. Wahrscheinlich war ihm der Tollenstein zu unbequem, zu rauh und zu windig geworden… 

Als Georg am 27. September 1565 verstorben war, übernahm sein Sohn Heinrich zusammen mit seinen Brüdern Christoph und Hans Haubold die Herrschaft Tollenstein und Rumburg, wie sie jetzt genannt wurde. Sein zweiter Sohn, Maximilian Adolf, hatte sein Auskommen als erster Bischof von Leitmeritz. Im Jahre 1571 kam es dann noch einmal zu einer Gütertrennung. Heinrich übernahm das Schloss Tollenstein und das Schloss Warnsdorf, während Christoph und Hans Haubold von Rumburg aus das „Schleinitzer Ländchen“ regierten. Nach dem Tod Heinrichs übernahm Christoph den Tollenstein und ließ an dessen Fuße das Dorf Tollenstein (Rozhled) mit einem Meierhof anlegen. In der Folgezeit verschlechterten sich die wirtschaftlichen Verhältnisse der Familie immer mehr. Die Schulden wuchsen und die Schleinitze mussten immer öfters einzelne Gemarkungen und Dörfer verkaufen. Im Jahre 1586 war die Herrschaft Tollenstein-Rumburg nicht mehr zu halten und sie ging für 60325 Schock 47 Groschen an den kaiserlichen Vizekanzler Dr. Georg Mehl (Michael) von Strehlitz, dem damals auch die Herrschaft Grafenstein gehörte. Er konnte sich noch drei Jahre an der Herrschaft erfreuen, bis er am 24. Januar 1589 im Schloss Tollenstein im hohen Alter entschlief. 

Dieser Verkauf ist auch anderweitig interessant, da damals die Veste noch völlig in Ordnung war und eine durchaus standesmäßige Behausung darstellte. Vor dem Kauf wurde ein ausführliches Inventarverzeichnis angefertigt, welches uns heute viel mehr über die Burg verrät als die nur noch bruchstückhaft vorhandenen alten Mauern: 

Inventarium des Schlosses Tollenstein A. D. 1586, wie es dem Herrn Christoph v. Schleinitz an den Herrn Georg Mehl v. Strehlitz, böhmischer Vizekanzler, beim Verkaufe übergeben wurde: 

„In der Gemein-Stuben: eine verschlossene Stubentür mit Handhaben und Klinken, ein Winkelhäusel beim Ofen, ein guter weißer Ofen, zwei grüne vergitterte, verschlossene Schzranken, eine vergitterte, verschlossene Cancley, drinnen mit zwei Fenstern, zwei verschlossenen Winkelhäusl, ein schlechter Tisch, vier Glasfenster. 

In der Kammer dabei: eine verschlossene Türe mit Handhaben, zwei Winkelhäuser unverschlossen. 

In der anderen Feldstube: eine verschlossene Türe, 2 Glasfenster, 1 weißer Kachelofen, 1 verschlossener grüner Schranken mit 2 Türchen vergittert. 

In der Kammer dabei: eine verschlossene Türe, zwei Winkelhäusel, eine Türe auf den Gang mit einer eisernen Klinke. 

Auf dem Saale: eine verschlossene Tür vor dem Gemach, eine Haustüre vom Hof herein mit Banden samt bösem Schloß. 

Im Wendelstein: eine böse Tür mit Bändern ohne Schloß vor dem Saal zum andern Geschoß. 

In dem oberen Geschoß in der grünen Stube gegen den Hof: eine verschlossene Stubentür, ein grüner, vergitterter Schranken bei der Cancley mit zwei verschlossenen Türen ohne Schlüssel, zwei Glasfenster, ein weißer Ofen: die Stube ist auf beiden Seiten getäfelt. 

In der Kanzlei dabei: ein schlechtes Tischel, ein Glasfenster, eine Türe mit einem Riegelschloß, zwei Allmern in der Mauer, unverschlossen. 

In der Kammer: eine verschlossene Tür mit Handhaben, zwei Fenster, zwei lange Tafeln, zwei Winkelalmern, ein unverschlossenes Winkelhäusel. 

Auf dem Saale: ein weißer Schranken, eine Wandbank, ein langes Blatt zu einer Tafel. 

In der anderen Stube: eine Stubentür, ein weißer Kachelofen, drei böse Fenster, vier Seitenbänke, drei hölzerne Tischel, zwei grüne, vergitterte Schranken in den Wänden, ein verschlossenes Winkelhäusel; die Wände sind auf beiden Seiten getäfelt. 

In der Kammer: eine verschlossene Türe, ein Spannbett, zwei grüne Tritt, eine Bank mit zwei Schubkästen, ein Fenster, zwei Winkelhäusel, eine Tür mit einer Klinke zum heimlichen Gemach, eine lange Versatzbank, eine verschlossene Tür ohne Schlüssel, wo man den Wendelstein hinauf kommt auf die Wache. 

Oben unterm Dach auf unterem Boden: In der Kammer linker Hand: eine verschlossene Tür, ein großer Mehlkasten. 

In der anderen Kammer linker Hand: eine verschlossene Tür, der Wächter hat den Schlüssel; eine Stubenbank mit zwei Schubkästen, ein Spannbett, drei lange Seile. 

In der gewölbten Schlagstube: eine verschlossene Tür ohne Schlüssel, zwei Glasfenster, eine Tür mit einem Riegelschloß zum heimlichen Gemach, ein weißer Schranken mit zwei Türen. 

In des Wächters Stube: eine Tür in Banden mit einer Klinke, drei Fenster, ein Ofen, eine Lehnbank, ein Topfbrett, zwei große Blasebalgen in Stängeln an der Decke, ein alter Tisch, zwei Seitenbänke am Ofen. 

Im Haus vor des Wächters Stube: zwei starke beschlagene Türen, an einer steinernen Tür mit Anleghaspen, eine Tür gegen den Hof mit Banden ohne Schloß. 

In der Küche: eine verschlossene Tür, zwei böse Fenster, ein alter Schranken, ein Spannbett. 

In der vorderen Küchenkammer: eine verschlossene Türe in Banden ohne Schloß. 

Im Keller: eine verschlossene Türe ohne Schlüssel mit einem anhängenden Lid, eine Tür mit Banden ohne Schloß im hintern Keller, vier starke Trehmen. 

In der Badestube: eine verschlossene Tür ohne Schlüssel, zwei Glasfenster. 

Unterm Tor: zwei Morgenstern mit Schaften. 

Zum Tollenstein an Geschütz, Kugeln und Pöller übergeben: ein Stück ohne gefähr 1 Ztr., ein Stück ohne gefähr 4 Ztr., ein Stück ohne gefähr 4 Ztr., ein Stück ohne gefähr 4 Ztr., ein Stück ohne gefähr 4 Ztr. Dazu noch: sechs Fassel Pulver, acht Schock der größeren eisernen Kugeln, sechs Schock eiserne kleine Kugeln zu 28-30 Loth; Item: etliche Läden und etliche beschlagene Rade.“ 

Das Erbe nahm Balthasar Mehl von Strehlitz an, der zu Ehre und Erinnerung seines Vaters die heilige Dreifaltígkeitskirche in Sankt Georgenthal stiftete, die heute noch ein Kleinod des kleinen Städtchens darstellt. Aber bereits im Jahre 1610 verkaufte er seine Herrschaft an den reichen Landesherrn Radislaw Kinsky von Chinic und Tetau, der sie kurze Zeit später an seinen Sohn Wilhelm vererbte. Balthasar war kein glückliches Ende beschieden. Aufgrund seiner überbordenden Schulden wurde er in den Weißen Turm in Prag gesperrt, wo er dann auch verstorben ist. 

Graf Wilhelm Kinsky ist dadurch bekannt geworden, dass er am 25. Februar 1634 in der verhängnisvollen Nacht, in der sein Herr, Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein in Eger ermordet wurde, auch diesem Mordkomplott zum Opfer fiel. Als die Ermordung Kinskys bekannt wurde, zog die königliche Kammer unverzüglich dessen Besitzungen ein, um die „Kinsky Gütter“ neu zu vergeben. Neuer Eigentümer wurde der Oberst der Wiener Stadtgarden, Hans Leonhard Löbel, Freiherr von Grünberg. 1641 erwarb er noch den Ort Warnsdorf. Aber auch ihm war das Glück nicht sonderlich hold. Denn ein Jahr später war es um die stolze Burg Tollenstein geschehen. Und das kam so: Für den geschichtlich Interessierten ist der Dreißigjährige Krieg – die größte Katastrophe, die Deutschland je in seiner Geschichte erleben musste – ein unübersichtliches Patchwork von Ereignissen, daß zu ordnen und zu überblicken große Schwierigkeiten bereitet. Ich will deshalb hier auch nicht auf das Große und Ganze eingehen (bei Amazon gibt es z. B. kostenlos für den Kindle das Werk von Friedrich Schiller „Geschichte des dreißigjährigen Krieges“, der für einen literarischen Einstieg zu empfehlen ist), sondern nur die lokalen Begebenheiten beleuchten. Die Kontrahenten waren anfänglich die sogenannten katholischen „Kaiserlichen“ und als Gegenpart die „protestantische Union“. Später kamen eine Vielzahl weiter Kriegsparteien hinzu, darunter die „Schweden“ unter Gustaf Adolf – die gemeinhin als besonders grausam galten. Denkt man an ihren legendären „Schwedentrunk“, dann kann es einem noch heute den Magen umdrehen… 

Man kann davon ausgehen, dass während des Krieges zumindest zeitweise die Veste Tollenstein mit kaiserlichen Militär besetzt war. In der ersten Zeit des Krieges – er begann 1618 mit dem legendären „zweiten“ Prager Fenstersturz, war die Oberlausitz noch wenig von den Kriegshandlungen betroffen. Als aber im Frühjahr des Jahre 1639 während des „französisch-schwedischen Krieges“ die schwedische Soldateska mit über 40000 Mann gegen Süden strömte, wählte der schwedische Feldherr Lennart Thorstensson (1603-1651), von Dresden kommend, den Weg über Zittau um nach Böhmen zu gelangen. Im Mai wurde Zittau nach kurzer Belagerung eingenommen, verwüstet und ausgeplündert und die Dörfer der Umgebung gebrandschatzt und die Bewohner gemeuchelt. Der kaiserliche Oberst Mathlohe, der sich gerade mit seinen Leuten in der Burg Tollenstein festgesetzt hatte, versuchte von dort aus die alte Prager Straße (heute Schöberpass) zu sperren, um den Vormarsch der Schweden nach Böhmen zu stoppen. Die Grundherren waren längst in das Landesinnere geflohen und nur die armen Leute mussten in ihren Dörfern ausharren. Sie erhielten unfreundlichen Besuch von schwedischen Kontributoren, die ihnen auch noch das letzte Hemd wegnahmen. Darunter war auch der damalige Obrist Carl Gustav Wrangel (1613-1676), der versuchte in den Dörfern um Rumburg Proviant aufzutreiben. Dabei kam es zu einem ersten Gerangel auf dem Hügel bei Schönborn (die Stelle heißt noch heute „Schwedenfriedhof“), das für die Kaiserlichen schlecht ausging und sie zurück auf den Tollenstein fliehen mussten. Die Kaiserlichen feuerten von dort mit ihren Kanonen auf die nachrückenden Schweden, worauf Wrangel eigene Kanonen heranschaffen ließ um das Feuer zu erwidern. Er benutzte dazu auf einem Eisenrost glühend gemachte Kugeln, um die Burg in Brand zu schießen. Es dauerte auch nicht lange, da gerieten die Holzaufbauten in Flammen und auch an ein Löschen war in dem aufkommenden Chaos nicht zu denken. Matlohe, welcher so lange wie möglich die Burg tapfer verteidigte, verließ bei Einbruch der Nacht das brennende Schloss und zog sich mit seinen Leuten in die nahen Waldungen zurück. Die einst stolze Veste brannte wie eine riesige Fackel die ganze Nacht hindurch und auch noch den folgenden Morgen und zum Schluss standen nur noch rußgeschwärzte Mauern und Wände und berichteten von dem Debakel. Dazwischen wühlten die beutegierigen Schweden in den noch dampfenden Schutt nach noch irgendwie brauchbaren Dingen. 

Damit war es mit dem Tollenstein vorbei. Niemand hatte mehr Lust, das Schloss wieder aufzubauen. In den folgenden Jahrhunderten wurde er mal legal, mal illegal als billiger Steinbruch genutzt. Insbesondere der Erbauer des „Alten Gerichts“, dessen Fundamente mit einem Fachwerkhaus man noch heute vor einem kleinen Teich direkt unterhalb des Burgfelsens besichtigen kann, ruinierte die Ruine vollends. Wenn man heute den Tollenstein besucht, muss man schon sehr viel Phantasie walten lassen, wenn man sich die Burg in ihrer Blüte vorstellen möchte. Vielleicht hilft diese kleine Abhandlung dabei, den dunklen Mauern einen Hauch von lebendiger Geschichte abzutrotzen…